Captain Marvel (2019)

Die Rächerin von nebenan

„I´m just a girl“ dröhnt es aus der Jukebox, während die toughe Carol Danvers alias Captain Marvel ein paar außerirdische Bad Guys aber mal so richtig durchs Weltall kloppt. Ein netter Gag, denn bloß ein Mädchen ist die gute Carol hier mitnichten, eher die weibliche Inkarnation von Superman. „Captain Marvel war ja als letzter Baustein für das große Avengers-Finale – „Endgame“ – gedacht, allerdings muss man sich nach Ansicht ernsthaft die Frage stellen, wofür der neue Captain den alten Captain eigentlich brauchen soll, was auch gleich für die ganze Rächer-Combo gilt. Selbst der unkaputtbare König von Asgard dürfte angesichts der Fähigkeit einfach mal so durch die Galaxis zu düsen und nebenbei feindliche Raumschiffe zu zerbröseln vor Schreck seinen Hammer fallen lassen.

Ist Marvels Appetizer für Avengers 3.2 etwa der erste Ausrutscher der erfolgsverwöhnten Superhelden-Maschinerie? Böse Zungen werden sagen, dass Marvel nach dem unerwarteten Erfolg der Konkurrenzschmiede mit „Wonder Woman“ einfach auch mal ne Frau ins Superheldenrennen schicken wollte, schließlich war man da ja bis dato permanent in Führung gelegen. Und wer zu spät kommt, der agiert entweder fahrig, oder hechelt gehetzt hinterher.
Liest man sich durch die aktuelle Review-Flut, kann man genau diesen Eindruck bekommen, also „Wonder“ hui und „Marvel“ pfui. Manchmal reicht es einfach eben, der bzw. die erste zu sein. Denn während DCs erster wirklicher Box-Office- Kracher nach launigem Auftakt immer mehr in den produkteigenen Schwächen – plakativer Düster-Look und eine ermüdend epische Tom und Jerry Vernichtungsorgie von der CGI-Stange – versinkt, schafft es „Captain Marvel“ seinen locker flapsigen Ton bis zum Ende durchzuziehen, das abgesehen von den wundersamen Fähigkeiten der Heldin erfreulich kurz und knackig daher kommt.

Ja, die Story ist weder sonderlich originell noch tiefgründig, noch animiert sie zum nervösen Nägelkauen. Nur gilt das praktisch für alle Solo-Filme unserer Comic-Heroen und dennoch hatten wir mit ihnen jede Menge Spaß. Die Figuren waren liebevoll gezeichnet, von namhaften und fähigen Mimen mit prallem Leben gefüllt worden und durchgängig mit Schlagfertigkeit, Witz und entwaffnender Coolness gesegnet. Carol macht da keine Ausnahme, sie sieht nicht nur dufte aus, sie verhält sich und spricht auch so. Es ist sicherlich kein Nachteil mit Brie Larson eine ausgezeichnete Mimin an Bord zu haben, aber bestimmt auch keine Garantie für einen entsprechenden Auftritt. Da müssen Ensemble und Skript schon mitspielen, damit die gelegte Lunte auch Feuer fängt.

Mit Samuel L. Jackson und Jude Law hat man jedenfalls zwei versierte Zündler am Start. Während der erste sein obligatorisches Oneliner-Feuerwerk schon praktisch im Schlaf beherrscht, ist der zweite nicht minder routiniert als süffisant-überheblicher Intrigant. Aber weil die beiden solche Vollprofis sind, wirken ihre Spezialitäten nie schal oder abgestanden. So auch hier. Jackson liefert sich als digital verjüngter Shield-Boss Nick Fury launige Frotzeleien-Duelle mit Larsons Carol Danvers. Law wiederum überzeugt als extraterrestrischer Wolf im Schafspelz, der ebenfalls nicht auf den Mund gefallen ist.

Letztlich bietet natürlich auch „Captain Marvel“ nicht viel mehr als die handelsübliche Origin-Geschichte aus dem Baukasten für Superhelden-Einführungen. Wir müssen die Heldin und ihr Umfeld ja erst mal kennen lernen und das wirkt zwangsläufig etwas checklistenartig. Zumal sie ähnlich wie Thor zwischen verschiedenen Welten hin und her pendelt. In ihrem Fall macht die Erde da deutlich mehr her wie ihr vermeintlicher Heimatplanet Hala, seines Zeichens Basis des Kree Imperiums. Nach einem Kampf mit den verfeindeten Skrulls – die zuvor noch ihre verschütteten Erinnerungen anzapfen konnten – landet sie schließlich auf Mutter Erde und beginnt langsam ihre Vergangenheit zu rekonstruieren.

Die eigentliche Handlung mag also nicht sehr aufregend sein, aber langweilig wird es dennoch nie. Die Entdeckungsreise in Danvers Lebensgeschichte bleibt stets kurzweilig, nicht nur weil ihr Nick Fury mit Rat, Tat und vor allem Spruch zur Seite steht, sondern weil der Zeitkolorit immer wieder für peppige Aha-Erlebnisse sogt. Jetzt sind die 1990er Jahre natürlich nicht ansatzweise so kultig wie die 80er, aber eben immer noch cool genug  für eine Reihe nostalgischer Lacher. Da kracht Carol z.B. durch das Dach einer Blockbuster Video-Filiale, in der sie erst mal einen lebensechten Aufsteller von Arnold Schwarzenegger aus „True Lies“ über den Haufen ballert. Dazu gibt es eine Brise Grunge, ein launiges Name-Dropping damals angesagter Rock-Acts und allerlei Seitenhiebe auf die im Vergleich zu heute fast schon vorsintflutlich anmutende Technik. Davon hätte man gut und gerne noch ne ganze Menge mehr unterbringen können – zumal die liebevoll gestaltete Vorankündigungshomepage hier richtig in die Vollen gegangen war -, aber das Gebotene macht auch so noch ordentlich Laune.

Was bleibt also von Marvels erstem Superheldinnen-Soloabenteuer? Die Erkenntnis, dass die Mischung aus gestandenen wie motivierten Mimen, einer sympathischen wie lässigen Titelfigur, wohl dosierten CGI-Schauwerten und einer hohen Schlagzahl bei Anspielungen auf Zeitgeist und selbst geschaffenes Heroen-Universum immer noch locker genügen, um über einen dünnen Grundplot zu triumphieren und kompetentes Unterhaltungskino zu erschaffen. Über ein Wiedersehen würde man sich jedenfalls freuen und mehr kann man nun wirklich nicht verlangen. Captain Marvel bleibt trotz ihrer Superkräfte halt doch irgendwie auch das dufte Mädchen von nebenan. Und das hat den Avengers trotz Black Widow irgendwo gefehlt. Eben doch nicht „just a girl“.

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