Dirty Harry II – Calahan (Magnum Force) (1973)

„Ein Mann sollte seine Grenzen kennen“

Schon der Vorspann macht unmissverständlich klar, wer hier nach der Titelfigur die Hauptrolle spielt. Während die Schriften ablaufen, bekommt der Zuschauer eine leinwandfüllende Handfeuerwaffe vor knallrotem Hintergrund präsentiert. Kurz bevor der eigentliche Film beginnt, blickt man direkt in die Mündung der Pistole und lauscht (Dirty) Harry Callahans Ausführungen aus dem Off: „ Das ist eine 44er Magnum, die mächtigste Handfeuerwaffe der Welt.“  Sagts und feuert direkt auf das Publikum.

Nach dem phänomenalen Erfolg des ersten Dirty Harry -Streifens (1971) war eine Fortsetzung schnell beschlossene Sache. Der zynische und unbequeme Copthriller hatte heftigste Kontroversen ausgelöst. Hemmungslose Propagierung von Selbstjustiz oder der erzkonservative Rückfall in unselige Law-and-order-Zeiten der Wild West Ära waren noch die freundlicheren Vorwürfe. Das Publikum wiederum strömte weltweit in Scharen in die Lichtspielhäuser und konnte sich offenbar bestens mit den rüden Methoden und radikalen Ansichten des schießfreudigen Polizisten identifizieren. Clint Eastwood wurde in der Rolle des Inspector Harry Callahan endgültig zum Superstar des Actionkinos. Einen wesentlichen Anteil am durchschlagenden Erfolg hatte die lakonische und exakte Regie Don Siegels. An einer Serie über den polarisierenden Cop war er allerdings wenig interessiert. Sein Freund und Hauptdarsteller war da weniger zimperlich, konnte er doch mit einem derart gewinnträchtigen Franchise immer wieder kleinere und ambitioniertere Projekte finanzieren.

Callahan
ist aber keinesfalls eine Fortsetzung, wie sie Hollywoodstudios heute scheinbar am Reißbrett entwerfen. (Die vermeintlich gewinnbringenden Elemente werden dabei einfach in gehäufter, gesteigerter oder bestenfalls rudimentär variierter Form erneut auf den Zuschauer losgelassen.) Die späteren Regisseure Michael Cimino (Die durch die Hölle gehen) und John Milius (Conan, Die rote Flut) verfolgten dabei einen auf den ersten Blick eher ungewöhnlichen Ansatz. (Der rechtskonservative Milius – Waffennarr und Mitglied der NRA – hatte bereist am Script des ersten Teils mitgearbeitet, wurde aber erst bei Callahan offiziell als Drehbuchautor gelistet).
Der zweite Dirty Harry-Film wirkt eher wie eine bewusste Antwort auf die heftigen Attacken vor allem linksliberaler Kreise gegenüber dem Original. Das Thema eines aufgrund zu liberaler Gesetze, einer ausufernden Bürokratie sowie behördlicher Unfähigkeit stark eingeschränkten Polizeiapparats wird hier zwar auf die Spitze getrieben, allerdings unter beinahe völlig umgekehrten Vorzeichen. Diesmal ist es Harry, der die aus seiner Sicht zwar unzureichenden, zwecks mangelnder Alternativen allerdings  konkurrenzlos dastehenden Gesetze verteidigt.

Callahan wird bei seinem zweiten Auftritt mit einer eingeschworenen Truppe vierer Verkehrspolizisten konfrontiert, die dafür sorgen, dass die in ihren Augen von einer viel zu milden Justiz verwöhnten (Schwer-)Verbrecher ihrer vermeintlich gerechten (Todes-)Strafe zugeführt werden. Das Vorgehen bei ihren Missionen ist ebenso simpel wie effektiv. Sie stoppen die jeweiligen Opfer aufgrund irgendwelcher Verkehrsdelikte und richten die völlig Ahnungslosen dann auf offener Straße kaltblütig hin. Harry ist zunächst sehr angetan von dem Quartett, da sie es bei seinem liebsten Hobby zur Meisterschaft gebracht haben: alle vier sind ausnahmslos Meisterschützen. Als er im Verlauf der Handlung allerdings hinter ihre dunklen Machenschaften kommt, distanziert er sich klar und eindeutig. Das offene Angebot ihrem elitären Kreis beizutreten, lehnt Callahan ohne zu zögern entschieden ab. Auf die Rechtfertigung „Wir tun das Gleiche, was die Vigilanten vor hundert Jahren getan haben, eine Art Volksjustiz. (…) Jeder Mensch, der die Ruhe und die Sicherheit der Bürger bedroht, wird hingerichtet“ antwortet Harry ganz im Sinne seiner liberalen Kritiker: „Ist doch unmöglich, dass die Polizei plötzlich selber zum Richter wird. (…) Irgendwann fangen Sie an, Leute hinzurichten, die bei Rot über die Straße gehen, oder aus Versehen vor einer Einfahrt parken.“

Diese Storyidee ist überaus clever, da Harry im Kern eigentlich ganz der Alte geblieben ist. Vor dem Hintergrund seiner über jedes Maß hinausschießenden Gegenspieler erscheint er aber plötzlich wie ein vernünftig handelnder, weitgehend systemkonformer Gesetzeshüter. Callahans Schlüsselsatz in diesem Zusammenhang ist: „Ich hasse dieses dumme System. Aber bis jemand mit Veränderungen kommt, die vernünftig sind, halte ich mich daran.“ Nach wie vor greift er allerdings schnell zur Schusswaffe, sei es um in einer äußerst kaltblütigen Aktion mal so nebenbei eine Flugzeugentführung zu vereiteln, oder eine Serie brutaler Raubüberfälle auf diverse Gemischtwarenläden in guter alter Wild-West-Manier ein für allemal zu beenden. Der Unterschied zu seinen Gegenspielern ist aber ganz deutlich. Callahan schießt nur, wenn ein Verbrechen gerade begangen wird, oder er selbst unter Beschuss gerät. Die vier Racheengel dagegen schlagen aus dem Hinterhalt zu und richten ihre Opfer eiskalt hin, wenn diese sich in Sicherheit wiegen. Wie im ersten Film trennt Held und Gegner letzlich zwar ebenfalls lediglich eine dünne Linie, die aber ungleich klarer definiert scheint.

Neben dieser geschickt konstruierten, scheinbaren Liberalisierung der umstrittenen Hauptfigur, sorgt das Drehbuch auch auf anderen Ebenen für eine zunehmende Vermenschlichung des kompromisslosen Cops. So bekommt der Zuschauer diverse Einblicke in Harrys Privatleben. Neben seinem allerdings recht tristen Apartment bezieht sich das vor allem auf zwischenmenschliche Beziehungen. Man erlebt alte Freunde, eine ihn heimlich anhimmelnde Ehefrau eines befreundeten Kollegen sowie eine kurze Affäre mit einer promiskuitiven Nachbarin. Selbst bei seinen Kollegen genießt er einiges Ansehen, wenn auch nur aufgrund seiner außerordentlichen Fähigkeiten als Pistolenschütze. Eastwood porträtiert Dirty Harry aufgeräumter, gelassener und zufriedener als im Vorgängerfilm. Man sieht ihn sogar hin und wieder lächeln. Die Botschaft ist unmissverständlich: der zynische Brutalo-Cop ist gar nicht so schlimm. Er ist auch nur ein Mensch und darüber hinaus in letzter Konsequenz durchaus auch gesetzestreu.

Callahan
ist insgesamt ein weitaus gefälligerer und bequemerer Film als das umstrittene Original. Weit weniger düster, zynisch und polarisierend, ist Dirty Harrys zweiter Fall eine eindeutige Reaktion auf die harschen Vorwürfe gegenüber dem Vorgänger. Die Actionszenen sind zwar brutaler ausgefallen, wurden aber auch erheblich publikumswirksamer und krachiger inszeniert. Im Unterschied zum ersten Film bekommen sie teilweise unterhaltenden Charakter und erfüllen damit eines der wesentlichen Kriterien des Genres. Auch die Bilder San Franciscos – Callahan entstand ebenfalls ausschließlich an Originalschauplätzen – wirken freundlicher und heller als in Dirty Harry. Wiederholt wird beispielsweise die Golden Gate Bridge in Postkartenmanier in Szene gesetzt.

An atmosphärischer Dichte, hinsichtlich seiner düster-bedrohlichen Grundstimmung sowie was das provokant-kontroverse Aufgreifen unbequemer gesellschaftspolitischer Themen anbelangt, bleibt Don Siegels Film allerdings unerreicht. Ted Posts Regie ist zu gefällig, Michael Ciminos und John Milius Drehbuch zu publikumsanbiedernd, um die teilweise verstörende Wirkung des Vorgängers wiederholen zu können. Das war aber scheinbar auch gar nicht beabsichtigt.
Das offenkundige Bemühen die umstrittene Titelfigur zu vermenschlichen und teilweise aus der Schusslinie liberaler Kritik zu nehmen ohne dabei deren Grundeinstellung zu verraten bzw. zu opfern, kann hier als durchschlagender Erfolg gewertet werden. Eastwoods aufgeräumteres Spiel und ganz wesentlich das in dieser Hinsicht überaus clevere Script sind dafür hauptverantwortlich. Und der Publikumserfolg gab den Machern recht. Der nicht mehr ganz so dirty Harry übertraf den bereits äußerst profitablen Originalfilm an der Kinokasse noch um ein Vielfaches.

Wie sein Vorgänger produzierte auch Callahan einen markanten Oneliner, der Teil der (zumindest amerikanischen) Popkultur werden sollte: „A man hast to know his limitations.“ Obgleich an seinen bornierten Vorgesetzten gerichtet, kann dieses Motto aber ebenso gut auf den Filmcharakter des Dirty Harry selbst angewendet werden. In gewisser Weise steht es als zentrales Leitmotiv über dem zweiten Teil der Reihe, der vordergründig eindeutig Zündstoff aus der kontroversen Figur herausnahm, nur um am Ende noch triumphaler zurückzukehren und die scheinbar von außen gesetzten Grenzen zu sprengen.

(7,5/10 Punkten)                                            

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