Bond 22: Ein Quantum Trost (2008)

„Jason Bauer und ein Quäntchen Bond?“

Schon die Pre Title Sequenz gibt Ton und Rhythmus des Films vor. Die Autoverfolgung über eine norditalienische Serpentinenstraße ist brutal, schmutzig und rasend schnell geschnitten. Einzig der Mann am Steuer eines arg lädierten Aston Martin scheint den Überblick zu behalten, einen Überblick den der Zuschauer bereits nach wenigen Sekunden verloren hat. Willkommen im Stakatto-Actionkino der Neuzeit, Mr. Bond.

Man mag die offenkundige Orientierung an der Bourne-Trilogie goutieren oder verdammen, das (überflüssige) Eingeständnis einer Niederlage jedenfalls ist nicht wegzudiskutieren. Während Bondfilme das Actiongenre einst erst begründeten und im Laufe der Zeit ständig neue Standards setzten, scheint man inzwischen im eigenen Lager an den Trendsetterqualitäten der langlebigen Franchise zu zweifeln. Und das obwohl die Bondstreifen zumindest in der globalen Endabrechnung immer die Nase vorn hatten.  Bei Ein Quantum Trost (dem mittlerweile 22. Film der Reihe) überließ man nichts dem Zufall und engagierte mit Dan Bradley kurzerhand den Second Unit Regisseur der beiden Bourne-Sequels.  Leider hat man damit auch die Probleme des Vorbilds importiert. Teilweise ist es kaum auszumachen wer gerade wen verfolgt, beschießt oder verprügelt. Bei einem Film der über 200 Millionen Dollar an Produktionskosten verschlang ist dies eher ärgerlich. Da arbeiten die besten Stuntman der Branche wochenlang an sündteuren Actionsequenzen und im fertigen Film erkennt man nur mit Mühe was gerade passiert.

Die Verpflichtung des genreunerfahrenen Marc Forster erweist sich in diesem Zusammenhang als zusätzliches Manko. Der eher für Independentfilme und Dramen bekannte Filmemacher beweist wenig Gespür für Rhythmus und Timing einer solchen Mammutproduktion. Es gibt fast zu viele Actionsequenzen, die zudem ungleichmäßig verteilt sind und eine Progression hin zum Spektakulären vermissen lassen.
Auch die von Forster bewusst anvisierte kurze Laufzeit (mit 103 Minuten unterbietet der Film den bisherigen Spitzenreiter Goldfinger) wird letztlich zur Achillesferse. Die ohnehin nicht sonderlich sorgfältig ausgearbeitete Geschichte um die bereits in Casino Royale bekämpfte Verbrecherorganisation hinter Le Chiffre versickert etwas zwischen den pausenlosen Actionsequenzen. Für Charakterentwicklung – eigentlich ja die Stärke des Regisseurs und laut Produzentengespann einer der Hauptgründe für seine Verpflichtung – bleibt so gut wie keine Zeit. Völlig verschenkt ist beispielsweise die Rolle des Handlangers Elvis, der zwei Sätze sprechen darf und ansonsten lediglich hinter dem Oberschurken durchs Bild stolpert. Bei einer Franchise die so kultige Henchmen wie Oddjob, Jaws oder Mayday hervorgebracht hat ein unverzeihlicher Faux Pas. Aber auch Bonds Hauptgegner – der aalglatte und zwielichtige Geschäftsmann Dominic Greene – bleibt diesmal ziemlich blass. Man mag dies für realistisch halten in einer Welt in der sich das Böse häufig hinter skrupellosen Konzernbossen in Nadelstreifen verbirgt. Für einen Bondfilm erscheint dies dann allerdings eine Spur zu gewöhnlich. Sicherlich ist der Franzose Matthieu Amalric auch eine eher unglückliche Wahl, da er über kaum Charisma verfügt und nicht sonderlich – trotz seiner brutalen Taten und Ansichten – bedrohlich wirkt.

Neben dem unglücklich gewählten Regisseur fällt auch das im Vergleich zum Vorgänger deutlich schwächere Drehbuch ins Gewicht. Hatte man damals noch einen der besten Romane des Bond-Erfinders Ian Fleming als Vorlage zur Verfügung, musste diesmal eine völlig neue Geschichte erfunden werden. Eine Entschuldigung kann dies aber nicht sein, da das Autorenduo Neil Purvis und Robert Wade immerhin bereits ihr viertes Bondscript ablieferte. Zumal Paul Haggis – der ja schon den Vorgänger dialogtechnisch aufpeppte – erneut für den Feinschliff sorgte.
Dass dies weit weniger gut funktioniert wie bei Casino Royale, ist den dreien allerdings nur bedingt anzulasten. Zentrales Problem ist die Sequel-Idee.  Der im Bonduniversum erstmalige Versuch einer direkten Fortsetzung schadet dem Film mehr als dass er ihm nützen würde. Die Aufdeckung der Hintermänner um Bonds Casino Royale-Gegner Le Chiffre sowie die Verwicklungen die zum Tod seiner großen Liebe Vesper führten, geben einfach zu wenig her um einen ganzen Film zu tragen.
Zudem wirkt der eigentlich zeitgemäße Ansatz, die schier undurchschaubaren Strukturen und unübersichtlichen Netzwerke moderner Verbrecherorganisationen zu thematisieren ob der kurzen Laufzeit zu reißbrettartig und wirr. Das offenkundige Vorbild – die knallharte Echtzeitagentenserie 24 – hat für ihre komplexen Plotsrukturen und Verwicklungen zahlreicher Persönlichkeiten in die jeweiligen Verschwörungen erheblich mehr Zeit zur Verfügung. Kennt man das Prequel Casino Royale nicht, wird man als Zuschauer binnen kürzester Zeit den Faden verlieren.

Trotz der oben ausführlich beschriebenen Schwachstellen hat Quantum of Solace aber auch eine Reihe eindeutiger Stärken, die den 22. Bondfilm trotz aller Kritik klar über den Genredurchschnitt heben. Der bereits in Casino Royale entwickelte Ansatz einer Erdung des Geheimagenten sowie seiner v.a. in der Brosnan-Ära immer unglaubwürdiger werdenden Missionen wird konsequent weiter geführt. Die Bedeutung von Wasser als zukünftiger Spielball globaler Interessen – und damit auch zwangsläufig verbrecherischer Machenschaften – ist brandaktuell und einer der cleversten Einfälle des Scripts.

Vor allem die Entwicklung der Hauptfigur erfährt einen weiteren Feinschliff. Quantum of Solace wird vielfach als simple Rachestory a la Lizenz zum Töten  missverstanden. Das Gegenteil ist der Fall. Trotz seines großen Schmerzes und seinem Hass auf die Verantwortlichen geht es Bond keineswegs primär um die Erledigung von Vespers Mördern. Zu keinem Zeitpunkt verliert er die Mission – die Zerschlagung eines globalen Verbrechersyndikats – aus den Augen und ist damit weit mehr der eiskalte und professionelle Geheimagent als in Casino Royale. M erkennt als Einzige die langsame „Profiwerdung“ ihres Agenten und deckt den scheinbar Amok laufenden Bond so weit es in ihren Kräften steht.  Anders als im Vorgänger begeht Bond keinerlei schwere Fehler und streicht seine Emotionen weitestgehend aus der Gesamtgleichung. Die Schlussszene  – als Bond Vespers Ehemann aufspürt – belegt diese These und bringt die im Vorgänger begonnene Metamorphose zum Abschluss. Die in Casino Royale noch ausgesparte berühmte Gunbarrel-Sequenz beschließt folgerichtig den Film. Jetzt kann es losgehen. James Bond ist endgültig zu dem geworden den wir kennen: ein eiskalter, hochprofessioneller und loyaler Auftragskiller im Geheimdienst ihrer Majestät.

Daniel Craig verkörpert diese endgültige „Bondwerdung“ absolut überzeugend und glaubwürdig. Der anfangs heftigst umstrittene Brite beweist erneut seine darstellerischen Qualitäten und gibt der zeitweise zur Comicfigur heruntergewirtschafteten Filmikone endlich wieder ein markantes Profil. Arroganz, Selbstbewusstsein, Zielstrebigkeit sowie eine seit den Tagen Connerys gänzlich abhanden gekommene, ungemeine physische Präsenz bilden ein homogenes Ganzes. Auch wenn es abgedroschen klingen mag, Bond ist mit Craig wieder ein richtiger Kerl, ein Mann dem man seine filmischen Taten auch abnimmt. Neben seiner enormen Leinwandpräsenz ist dies nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass Craig beinahe sämtliche Stuntszenen selbst ausführte und sich auch von zahlreichen Blessuren und Verletzungen nicht abschrecken ließ. Und schließlich ist da noch der Humor. Trotz seines insgesamt bierernsten Grundtons legt das Script Bond ein paar fatastische Oneliner in den Mund, von Craig mit einer staubtrockenen Coolness abgefeuert die an selige Connery-Zeiten erinnert.

Bleibt abschließend die häufig kolportierte Frage, wie viel Bond steckt eigentlich noch in Bond? Auf die offenkundigen Anleihen bei den Initialenvettern Jack Bauer und Jason Bourne wurde bereits eingegangen. Hier ist sicherlich eine Grenze erreicht worden, die nicht überschritten werden sollte. Bond sollte nicht vom Vorreiter zum Imitator absinken. Das hat er gar nicht nötig. Eine etwas extravagantere Geschichte, ein etwas schillernderer Bösewicht und Actionszenen bei denen man das investierte Kapital auch sehen kann, würden auch dem runderneuerten Bond der Moderne gut zu Gesicht stehen.
Der in vielen aktuellen Besprechungen zu lesende Vorwurf Quantum of Solace habe nichts Bondtypisches mehr an sich, ist in seiner Pauschalität allerdings nicht haltbar. Das Set Design ist grandios und erinnert deutlich an die frühen Bondsets Ken Adams. Es gibt eine Vielzahl mondäner und farbenprächtiger Originalschauplätze (u.a. Siena, Bregenz, Haiti und Bolivien) zu bestaunen. David Arnolds Score ist sein bis dato bester und nimmt immer wieder unterschwellig Anleihen an vertrauten Barry-Klängen. Das berühmte Bondthema brodelt gewissermaßen im Untergrund, bis es am Ende – passend zur charakterlichen Entwicklung der Hauptfigur – mit voller Wucht aus den Lautsprechern dröhnt.
Kenner werden zahlreiche Hinweise und Reminiszenzen an das Bonduniversum entdecken. Auch ohne Q, Moneypenny und den berühmten Vorstellungsspruch. So verführt Bond kurzerhand eine kleine Geheimdienstangestellte die ihn eigentlich in die Schranken weisen soll (u.a. Der Mann mit dem goldenen Colt, Moonraker, GoldenEye, Die Welt ist nicht genug). Ihr Ableben ist eine gelungene Hommage an Goldfinger. Bekannte kulturelle Ereignisse oder Sehenswürdigkeiten werden geschickt in die Handlung integriert (diesmal eine Tosca-Vorstellung auf der Bregenzer Seebühne sowie das Palio, ein Pferderennen der 10 Stadteile von Siena). Bond verwendet eine Universal Exports-Karte (Deckfirma für den MI6 in zahllosen Filmen) mit dem Tarnnamen „Sterling“ (Der Spion der mich liebte). Trotz seiner hemdsärmeligen Art ist auch Craigs Bond ein echter Snob. Als er in ein schäbiges Hotel zwecks besserer Tarnung einchecken soll, bucht er kurzerhand die Luxussuite im teuersten Haus am Platz. Und nicht zuletzt hat auch der berühmte Vodka-Martini seinen Auftritt, wie schon im Vorgänger in einer durchaus originellen Variation des Grundschemas.

Fazit:
Daniel Craigs zweiter Auftritt als englischer Superspion kann dem allerdings herausragenden Vorgänger Casino Royale nicht das Wasser reichen. Das liegt v.a. an dem mit einer solchen Produktion offenbar überforderten Regisseur Marc Forster sowie einem recht dünnen Drehbuch. Die Sequel-Idee erweist sich dabei als Hauptproblem. Die Fortführung der Geschichte von Casino Royale funktioniert zwar prächtig für die charakterliche Weiterentwicklung der Hauptfigur, gibt aber als Thrillerplot zu wenig her. Darüber hinaus ist der komplizierten Handlung ohne Kenntnis des Vorgängers nur schwer zu folgen. Zudem lässt die für einen Bondfilm sehr kurze Laufzeit kaum Zeit für die Entwicklung der zahlreichen Nebenfiguren.
Die Actionszenen sind gewohnt spektakulär und fulminant, kranken aber an einer unnötig starken Hinwendung zum unübersichtlichen Stakkato Schnittgewitter der Bourne-Filme. Hier würde man als Zuschauer gerne genauer hinsehen. Daniel Craigs erneut ungemein intensive Vorstellung als knallharter Geheimagent hält den Film letztlich zusammen. Der kantige Brite ist definitiv der beste Bond für die heutige Zeit. Die zeitweise zur Comicfigur degradierte Kinoikone besitzt wieder Glaubwürdigkeit und Profil. Coolnes und staubtrockener Humor der Connery-Ära feiern ein furioses Comeback.
Obgleich Qunatum of Solace dank geschickt eingebauter Reminiszenzen, exotischer Locations und einem fantastischen Set Design klar als Bondfilm zu erkennen ist, wäre eine stärkere Fokussierung auf zentrale Elemente und Strukturen der beliebten Franchise für Craigs dritten Auftritt wünschenswert. Die Vorzeichen stehen gut. Die „Bondwerdung“ der Relaunch-Idee scheint abgeschlossen,  die Prognosen der Macher versprechen eine sanfte Rückbesinnung auf bewährte Zutaten. Jack Bauer und Jason Bourne sollten jedenfalls wieder deutlicher auf die ihnen angestammtem Plätze verwiesen werden. Das Original heißt immer noch Bond, James Bond.

(Rating: 7 / 10)

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