Bad Times at the El Royale (2018)

Mythos Motel als Noir-Vexierpiel

Das Motel gehört zu den letzten Mythenorten des Kinos. Die meist etwas schäbige, abgelegene und spärlich gebuchte Unterkunft steht wie kaum etwas sonst geradezu ikonographisch für ein unglamouröse und etwas zwielichtiges Amerika, das gleich neben seinen zentralen Verkehrsadern beginnt und quasi unentwegt von ihnen beliefert wird. Der Hollywood-Film hat sich dieses Mythos vor allem immer dann gerne bedient, wenn er von all den Abgründen erzählen wollte, die nur ganz knapp unter der blitzblanken Oberfläche aus überbordendem Selbstbewusstsein, unbändigem Fortschrittsglauben und sendungswütigem Optimismus schlummern. Das El Royale am Lake Tahoe in ist ein solches Etablissement, offiziell zwar ein Hotel, in seiner architektonischen Anlage, seiner offen zur Schau gestellten Trauer über längst vergangene und deutlich bessere Zeiten und insbesondere in seiner unheilvollen Aura ein geradezu klassischer Ableger der Motor-Variante.

Dass wir hier Zeugen eher unerbaulicher Ereignisse werden, macht uns schon der Titel klar. „Bad Times at the El Royal“ klingt geradezu verheißungsvoll, wenn man gerne auch mal abseits der ausgetretenen Good Vibrations-Pfade unterwegs ist. Und es gibt noch mehr berechtigte Vorfreude. Drew Goddard hatte bereits mit dem eigenwilligen Horrorstück „Cabin in ther Woods“ gezeigt, dass man auch in einem sich faul in Splatter und Redundanz flezendem Genre mit unkonventionellen Ideen und einem fokussierten Erzählwillen noch neue Reize setzen kann. Vieles, was er dort in den Ring warf, lässt nun auch das El Royale in neuem Glanz erstrahlen, also nicht den realen Ort, sondern das angestaubte filmische Vermächtnis.

Vier Personen checken praktisch gleichzeitig ein, was in dem vor sich hin siechenden El Royale einer jahrelang entbehrten Rush Hour gleich kommt. Die Lobby ist erst gar nicht besetzt, also beschnuppern sich die Neuankömmlinge gewissermaßen notgedrungen: Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges), Sängerin Darleene Sweet (Cynthia Erivo), Stabsaugervertreter Laramie Seymour Sullivan (Jon Hamm) und Hippiegirlie Emily Summerspring (Dakota Johnson). Natürlich ahnt man längst, dass keiner der vier ist, wer oder was er vorgibt zu sein. Der Clou besteht nicht aus der Erkenntnis dieser fast schon logischen Tatsache, sondern in Goddards erzählerischer Präsentation, die auch visuell vor Einfallsreichtum sprüht. Nach und nach, teilweise durch Rückblenden, teilweise durch Perspektivenwechsel enthüllt er so ein faszinierendes Tableau von Aktion und Reaktion bei dem nur eines gewiss scheint, die Ungewissheit über den weiteren Verlauf.

Endlich interessiert sich mal jemand wirklich für seine Figuren und gibt ihnen entsprechend Raum zur Entfaltung. Das ist nicht nur ein Glück für den großartigen Cast, auch wir als Zuschauer kommen in den erschreckend selten gewordenen Genuss, filmische Charaktere mal kennen zu lernen. In das ohnehin schon explosive Figurenkarusell setzt Goddard dann noch drei weitere Passagiere, was Plotentwicklung und Erwaltungshaltung endgültig auf Kollionskurs bringt. Denn darüber dass mit dem Rezeptionisten Miles Miller (Lewis Pullman) und Laramies kleiner Schwester Rose (Cailee Spaeny) etwas ganz gewaltig nicht stimmt, besteht nicht der geringste Zweifel. Und wieder besteht der Reiz nicht im „dass“, sondern ausschließlich im „was“. Aber selbst hier kann Goddard noch nachlegen, indem er im letzten Akt den Sekten-Guru Billie Lee („Thor“ Chris Hemsworth) auftreten lässt, dessen süffisantes „Howdy“ zu Begrüßung einem Donnerhall gleich kommt.

„Bad Timnes at the El Royale“ atmet natürlich in jeder Facette den Neo-Noir-Geist, aber selbst diese Ettikettierung weiß Goddard visuell und narrativ immer wieder geschickt zu unterlaufen bzw. ganz eigen zu interpretieren. Die unkonventionelle Zusammensetzung diverser Plotelemente, die selbtbewusst zur Schau gestellte Dialoglastigkeit, die diebische Freude am twistreichen Erzählen gepaart mit genüßlich unvermittelt herein brechenden Gewalteruptionen sowie der Mut zur ausgedehnten Lauflänge schreien förmlich nach dem Tarantino-Vergleich, zumal sie offenbar auch noch die Liebe zu Motown und Soul teilen. Gerecht wir man dabei beiden nicht und das keineswegs nur, weil der Meister mit „Hateful 8″ letztens das deutlich schwächere Kammerspiel abgeliefert hatte.

Drew Goddard ist vieles, aber bestimmt kein Tarantino-Klon. Er bedient sich ähnlicher Stilmittel bzw. verfügt über ähnliche Stärken, hat dabei aber eine gänzlich andere Handschrift, die weniger schwadronierend und letzlich auch weniger selbstverleibt daher kommt. Das muss nicht so bleiben, aber fürs erste ist er damit ein spannenderer Filmemacher, als der zunehmend selbtsrefrentiell anmutente Tarantino. Wer sich also mal eine Auszeit aus der filmischen Mainstream-Landschaft und ihrer Überbevölkerung aus Superhelden, übersinnlichen Dämonen und kalauernden Komiker-Shablonen nehmen will, der sollte unbedingt im El Royale einchecken. Das ist noch echter Abenteuerurlaub, garantiert erwartungsresistent und erfrischend unangepasst. Wer es gern hochtrabender hat: „El Royal“ verhandelt den Mythos Motel als faszinierendes Noir-Vexierspiel.

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(Rating: 8,5 / 10)

Gesehen im cinemaxx Augsburg, Oct. 12 2018

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