Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat (2008)

„Geschichtsthriller“

Selten wurde ein Film im Vorfeld so leidenschaftlich diskutiert wie Operation Walküre. Die geplante Verfilmung des gescheiterten Hitlerattentats vom 20. Juli 1944 schlug sowohl im Produktionsland USA, wie auch im Geburtsland der Verschwörer gewaltige Wellen. In Deutschland schaukelten sich die Gemüter vor allem an der Frage hoch, ob ein Zugpferd der Scientology Church einen deutschen Nationalhelden verkörpern dürfe. Da war natürlich auch ordentlich Verlogenheit im Spiel, hatten doch die Widerständler um Oberst Graf Stauffenberg lange Zeit einen schweren Stand im bundesrepublikanischen Nachkriegsdeutschland. Vielen galten sie weit in die 1950er Jahre hinein als Eidbrecher und Landesverräter. Darüber hinaus befürchtete man nicht ganz zu Unrecht eine klischeebehaftete und Pathosdurchtränkte Historienschnulze a la Hollywood, die unter massiver Verbiegung historischer Fakten und naiv simpler Dämonisierung seiner Gegner ihren Helden zum idealistischen Freiheitskämpfer stilisiert (so geschehen mit Mel Gibson in Braveheart und Der Patriot).
In den USA dagegen hatte man ein ganz anders Problem mit Valkyrie. Dort wird nämlich keineswegs unterschieden zwischen Wehrmachts- und Naziuniformen. Zudem ist dort der  militärische Widerstand gegen das Hitlerregime weitgehend unbekannt. Als dann die ersten Bilder von Tom Cruise im „Stauffenberg-Kostüm“ auftauchten, sprachen nicht wenige empört von einem Tabubruch. Ein amerikanischer Filmstar als Nazi-Offizier? So gesehen sind die vollmundigen Versprechungen der Macher um Regisseur Bryan Singer und Hauptdarsteller Tom Cruise – dass ihr Film das Bild der Deutschen während des Zweiten Weltkriegs in vielen Ländern in ein ganz neues Licht tauchen würde – keinesfalls substanzloses PR-Getöse.

Als der Film überraschend erfolgreich in den USA startete (er hat bisher bereits über 80 Mio.  $ eingespielt) und zudem zahlreiche positive Besprechungen erhielt, war von der anfänglichen Aufregung nicht mehr viel zu spüren. Inzwischen haben auch zahlreiche Schulklassen den Weg ins Kino gefunden, um etwas über dieses bisher kaum bekannte Kapitel des Zweiten Weltkriegs zu erfahren.
Auch in Deutschland wurde die Kritik am Film nach den ersten Pressevorführungen erheblich leiser. Weder die befürchtete Geschichtsklitterung und Faktenschlamperei noch eine naive Heldenverehrung konnte Valkyrie angelastet werden. Hauptdarsteller Cruise konnte keinerlei Missbrauch seiner Figur zur Propagierung zentraler Thesen oder Botschaften der Scientology Church nachgewiesen werden. Aber ist Operation Walküre deshalb ein Meisterwerk des historischen Spielfilms?

Laut eigenem Bekunden wollten Bryan Singer und Tom Cruise in erster Linie einen spannenden Thriller vor historischem Hintergrund drehen. Das ist ihnen zweifellos gelungen. Wenn man davon ausgeht, dass der normale Zuschauer keineswegs die genauen Abläufe des Attentats sowie des anschließenden Staatsreichs kennt, so nutzt das schnörkellose Drehbuch geschickt die schier unglaubliche Menge kleiner Zufälle und Versäumnisse während der Umsturzaktion um eine Atmosphäre fiebriger Spannung zu erzeugen. Das ist um so erstaunlicher, da der Ausgang der Geschichte auch den weniger gut Informierten klar sein dürfte. Die enormen Schwierigkeiten der Verschwörer bei der Ausarbeitung und Durchführung des Staatsstreiches werden dramaturgisch geschickt inszeniert, ohne dass der Film das reißerische Element überstrapazieren würde. Im Gegenteil: Manchmal wirkt der Film etwas zu nüchtern und sachlich, gleicht mehr einem dramatischen Dokumentarfilm als einem historischen Thriller. Man spürt förmlich den Respekt der Macher vor den geschichtlichen Fakten und Figuren, was die Identifikation mit den Verschwörern erschwert.

Auch Tom Cruise hält sich weitestgehend zurück. Ironischerweise war der echte Stauffenberg ein sehr jovialer Mensch, der gerade für sein ansteckendes Lachen und seine umgängliche Art   von vielen hoch geschätzt wurde. Das typische Cruise-Grinsen hätte diesmal sogar gepasst. Er spielt Stauffenberg durchaus überzeugend als einen überaus ernsten, entschlossenen und tatkräftigen Mann, der in der entscheidenden Phase der Verschwörung die Fäden in der Hand hält. Obwohl all diese Eigenschaften auch der historischen Figur zugeschrieben werden, verblasst das menschliche Element hinter der Maske des Tatmenschen. Trotz der physischen Ähnlichkeit von Darsteller und Vorbild bleibt der Charakter des Claus Graf Schenk von Stauffenberg damit weitestgehend im Dunkeln. Ein Manko, das allerdings auch den bisherigen drei deutschen Verfilmungen des Stoffes anhaftet (Es geschah am 20. Juli ,  Der 20. Juli (beide 1955) sowie Jo Baiers Fernsehfilm Stauffenberg von 2004).

Ähnliches gilt für den übrigen Cast, der zwar mit exzellenten Schauspielern aufwartet, aber vielen lediglich kurze Auftritte gönnt. Vor allem Kenneth Branagh als Henning von Tresckow – Motor der militärischen Widerstands vor Stauffenbergs Eintritt – hat einfach zu wenig Screentime, um seine interessante Figur mit Leben füllen zu können. Bill Nighy als Stauffenbergs unmittelbarer Vorgesetzter und Mitstreiter General Olbricht sowie Tom Wilkinson als zwielichtiger Chef des Heeresamtes (Generaloberst Fromm) hinterlassen dagegen einen nachhaltigen Eindruck. Nighy macht das ganze Dilemma zwischen Zaudern und Handeln sowie die unglaubliche Anspannung des Verschwörerkreises deutlich. Wilkinson gibt ein eindrucksvolles Portrait eines lupenreinen Opportunisten, der die Verschwörer lange Zeit duldet und erst dann klar Farbe bekennt, als das Pendel deutlich zu einer der beiden Seiten ausgeschlagen hat.

Natürlich nimmt sich der Film die ein oder andere historische „Freiheit“ heraus, um das dramatische Element zu erhöhen. So wird der Leipziger Ex-Oberbürgermeister und Vertreter des zivilen Widerstands Carl Goerdeler als Gegner Stauffenbergs aufgebaut. Das entspricht in dieser Form nicht ganz den historischen Fakten, obgleich sich die beiden Männer tatsächlich nicht sehr sympathisch waren. Auch ein von Tresckow durchgeführtes Sprengstoffattentat auf Hitlers Flugzeug wird chronologisch falsch eingeordnet, um den Protagonisten nicht erst nach 15 Minuten präsentieren zu können. Vorgänge die sich über Monate hinzogen, werden auf wenige Tage verdichtet. All diese Dinge verfälschen aber keinesfalls die fundamentalen Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft. Der Film ist für einen Thriller vor historischer Kulisse geradezu erstaunlich korrekt. Von den Uniformen, über die dargestellten Gebäude und Innenräume bis zu überlieferten Zitaten und Einstellungen der wichtigsten Verschwörer wurde akribisch recherchiert und überaus gewissenhaft gearbeitet. Die doch noch erhaltene Drehgenehmigung im Berliner Bendlerblock war klar ein Gewinn für den Film.
Eine der besten Szenen ist Stauffenbergs erste Begegnung mit Hitler auf dem Obersalzberg. Hier sitzen die Nazigrößen Himmler, Goering, Goebbels und Speer gemütlich zum Kaffee zusammen. Ein Hauch von Verwesung liegt in der Luft. Als Stauffenberg in den lichtdurchfluteten Raum tritt um Hitler die umgearbeiteten Walküre Pläne vorzustellen, erwartet ihn eine seltsam fiebrig morbide Atmosphäre.
Dramaturgischer Höhepunkt sind aber zweifellos die Geschehnisse am 20. Juli 1944. Sowohl das Attentat wie auch die Umsturzaktion Operation Walküre werden nicht nur minutiös nachgestellt, sondern auch dramaturgisch  geschickt verdichtet. Stauffenbergs Fahrt ins Führerhauptquartier, die Vorverlegung der Besprechung, das hektische Hantieren des schwer kriegsversehrten Attentäters beim Scharfmachen der Bombe, die plötzliche Störung durch einen Adjutanten sowie das Vabanquespiel bei seiner Flucht aus der Wolfsschanze sind perfektes Spannungskino. Der zu spät anlaufende Umsturz, Stauffenbergs energisches Versuchen die verlorene Zeit wieder reinzuholen sowie sein unermüdlicher Einsatz bis zur buchstäblich letzten Sekunde, machen die ganze Tragik des durch viele Zufälle verursachten Scheiterns der Widerständler deutlich.

Der mancherorts vorgebrachte Vorwurf die Motive der Verschwörer blieben im Dunkeln, ist so nicht haltbar. In einem Monolog Stauffenbergs zu Beginn des Films erfährt der Zuschauer von seinem Entsetzten über die Massenmorde an Juden, Zivilisten und sowjetischen Kriegsgefangenen sowie die in den Untergang führende Kriegführung Hitlers. Dass sich die Verschwörer im Verlauf des Films nicht mehr ständig in epischer Breite über ihre Motivation zum Aufstand auslassen, ist keinesfalls abwegig. Man kennt sich teilweise seit Jahren und befindet sich in der entscheidenden Phase des Umsturzes. Hier geht es nur noch darum zu handeln.

Fazit:
Operation Walküre ist die bisher stringenteste und dramatischste Umsetzung des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944. Geschickt inszeniert Regisseur Bryan Singer die geschichtlichen Fakten als fesselnden Politthriller. Abgesehen kleinerer vernachlässigbarer künstlerischer Freiheiten bietet der Film in Ausstattung, Figurenzeichnung und Ereignisschilderung ein Höchstmaß an historischer Authentizität.
Hauptdarsteller Tom Cruise nimmt sich erstaunlich zurück und fügt sich nahtlos in das hervorragende Darstellerensemble. Er porträtiert den Hitlerattentäter Stauffenberg historisch korrekt als präzise denkenden, unbeirrbaren und überaus entschlossenen Tatmenschen. Sein Respekt vor der Figur war offenbar so groß, das er dessen joviale und ironische Seite bestenfalls andeutet. Auch für seinen langen Weg in den Widerstand bleibt keine Zeit. Der Charakter des aristokratischen Offiziers bleibt weitestgehend im Dunkeln. Die Intentionen der Macher gingen aber auch in eine andere Richtung.
Im Vordergrund steht klar Planung und Durchführung des Staatstreichs. Dass dies ohne Pathos und naive Heroisierung gelingt, ist für eine Hollywoodproduktion mindestens ungewöhnlich. Stauffenberg-Experte Peter Hoffman jedenfalls hats gefallen. Und Geschichtswissenschaftler sind nicht gerade dafür bekannt, filmische Umsetzungen ihrer Spezialgebiete zu bejubeln.

(8,5/10 Punkten)                                              

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