Der 20. Juli – Das Attentat auf Hitler (1955)

“Widerstand im Zeitgeist”

In den 1950er Jahren schwappte eine regelrechte Welle an vornehmlich amerikanischen Kriegsfilmen über die Leinwände. Offenbar hatte das bundesdeutsche Publikum ein starkes Bedürfnis, die filmische Aufbereitung des zweiten Weltkriegs nicht ständig nur aus US-amerikanischer Perspektive serviert zu bekommen und strömte daher auch in Massen in die heimischen Produktionen. Filme wie Canaris (1954), Des Teufels General (1955), Hunde, wollt ihr ewig leben! (1958) und vor allem die 08/15-Trilogie (1954-1955) gehörten zu den größten Kassenschlagern des deutschen Nachkriegskinos und konnten mühelos mit konkurrierenden Hollywoodproduktionen mithalten.
Meist ging es bei diesen Filmen um die von einer verbrecherischen Führung verratene Wehrmacht, die ehrenhaft und tapfer kämpfend für falsche Ideale und wahnwitzige Eroberungspläne missbraucht worden war. Verbrechen wurden ausschließlich von der SS begangen, militärische Misserfolge waren entweder dem übermächtigen Schicksal oder verrückten Befehlen Hitlers geschuldet.

Es wäre allerdings verfehlt, den Filmemachern als zentrale Intention eine bewusste Rehabilitierung der Wehrmacht zu unterstellen. Vielmehr entsprach der moderate Umgang mit Schuld und Verantwortung der deutschen Soldaten dem vorherrschenden Zeitgeist und spiegelte das tiefe Bedürfnis der Bevölkerung, dem millionenfachen Sterben (es gab kaum eine deutsche Familie, die nicht einen männlichen Angehörigen im Krieg verloren hatte) und den enormen Opfern (psychische und körperliche Verletzungen) nachträglich einen Sinn zu verleihen. Die große Publikumsresonanz auf die oben erwähnten Produktionen untermauert diese These. Anders ausgedrückt: Der Erfolg dieser Filme prägte nicht den Zeitgeist, sondern der Zeitgeist wurde durch den Erfolg widergespiegelt.

Vor diesem Hintergrund war es durchaus gewagt, einen Film über den militärischen Widerstand gegen Hitler und das Attentat vom 20. Juli 1944 zu drehen. Beides war in der deutschen Bevölkerung bis mindestens Mitte der 50er Jahre heftigst umstritten, Begriffe wie Vaterlandverräter und Eidbrecher (seit 1934 mussten sämtliche Soldaten der Wehrmacht den Treue-Eid direkt auf Hitler leisten) keineswegs eine Seltenheit. 1955 kamen mit G.W. Papsts Es geschah am 20. Juli und Falk Harnacks Der 20. Juli beinahe zeitgleich gleich zwei bundesdeutsche Filme in die heimischen Lichtspielhäuser, die sich dieser brisanten Thematik widmeten. Während sich Pabst – fast einem Dokumentarfilm gleich – lediglich auf die letzten 24 Stunden des Staatsstreichversuchs und den engsten Verschwörerkreis konzentrierte, war Harnacks Film breiter angelegt und letztlich auch das ambitioniertere Projekt.
Harnack zeigt nicht nur die Ereignisse des 20. Juli 1944, sondern erzählt auch die Vorgeschichte des Umsturzversuchs inklusive des gescheiterten Sprengstoffanschlags Henning von Tresckows (Chef der Heeresgruppe Mitte und zentrale Figur des militärischen Widerstands). Auch die Einbettung der Widerstandskämpfer des 20. Juli in nationalkonservative Kreise ist ein Handlungsstrang des Films. Neben der Führungsrolle von Generaloberst A.D. Ludwig Beck wird sowohl die Beteiligung einzelner Mitglieder des Kreisauer Kreises, als auch der Widerstandsgruppe um den Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler historisch korrekt wiedergegeben.

Wie bei beinahe allen bundesdeutschen Kriegsfilmen der 50er Jahre, sind auch Harnacks Der 20. Juli weniger historische Ungenauigkeiten oder Falschaussagen zu unterstellen. Das Problem liegt nicht in dem, was der Film zeigt, sondern vielmehr in dem, was er verschweigt.
Sämtliche Figuren sowie die Vorbereitungen des Attentatversuchs vom 20. Juli werden weitestgehend faktentreu präsentiert. Mit der Kritik an der katastrophalen militärischen Lage an der Ostfront sowie der Befürchtung einer totalen Niederlage werden wichtige Beweggründe der Verschwörer thematisiert.
Das beliebte Motiv der Auslassung wird vor allem bei der filmischen Darstellung der Hauptfigur deutlich. „Der akute und eigentliche Anstoss für Stauffenbergs Verdikt, Hitler müsse getötet werden, waren also die Massenmorde an Juden, Kriegsgefangenen und Bevölkerungen in den besetzten Gebieten im Osten (…). Er sah auch wie das Heer in die Verbrechen mit hineingezogen wurde.“1 Nichts davon ist im Film zu sehen bzw. zu hören. Wie alle anderen argumentiert der filmische Stauffenberg (Wolfgang Preiss) lediglich mit der drohenden Niederlage sowie der Unfähigkeit der Führung.
Immerhin gibt es eine kurze Szene mit dem anfangs führertreuen Hauptmann Winter, der an der Ostfront Zeuge eines Massenmordes an Juden wird und aufgrund des Gesehenen auf die Seite der Widerständler wechselt. Allerdings bezieht sich diese Motivation nicht auf Stauffenberg oder andere führende Widerstandskämpfer und waren die Verbrechen eindeutig, so Winter wörtlich, „Himmlers Werk“. Womit wir wieder bei dem beliebten Motiv wären, sämtliche Verbrechen ausschließlich der SS anzulasten. Auch die durch Stauffenbergs tiefe Religiosität gewachsene Erkenntnis, es mit einem menschenverachtendem Verbrechertum zu tun zu haben, taucht nicht auf. Wie bei den thematisch vergleichbaren Filmen Canaris und Des Teufels General wird die Wehrmacht also nachträglich von einer möglichen Verstrickung in Kriegsverbrechen freigesprochen.

Die enormen Schwierigkeiten der Männer um Stauffenberg, geeignete Mitverschwörer in den eigenen Reihen zu finden sowie die logistischen und organisatorischen Probleme eines Attentatversuchs, werden wiederum wahrheitsgetreu aufgearbeitet. Hierin bestand auch keine Gefahr für den Kinozuschauer der 50er Jahre, konnte er sich doch mit der Gewissheit trösten, dass selbst hochrangige Offiziere und Politiker nur unter massivsten Schwierigkeiten und Einsatz des eigenen Lebens erfolgreich Widerstand leisten konnten.
Um diese Erkenntnis zu zementieren, lässt Harnack eine zivile Widerstandszelle aus der „einfachen“ Bevölkerung auftreten, die ebenfalls über die Beseitigung Hitlers diskutiert. Während eines Gesprächs, lässt er einen Arbeiter den entscheidenden Satz sagen: „Das kann nur die Wehrmacht. Oder sollen wir mit Knüppeln auf die SS losgehen?“ Hier werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Neben der Entschuldigung der Masse des deutschen Volkes für dessen Passivität gegenüber dem NS-Regime, wird auch wieder die Dämonisierung der SS als Verkörperung des Bösen betrieben. Nach dem Motto: „Wenn wir Hitler und die SS los sind, ist der böse Spuk vorbei.“ Ähnliche Szenen finden sich in allen oben erwähnten Erfolgsfilmen.

Um die historische Glaubwürdigkeit seines Films zu unterstreichen, montiert Regisseur Harnack Dokumentarfilmaufnahmen in seinen Spielfilm. Vor allem die Bilder zerstörter deutscher Großstädte sowie diverser Kampfszenen an der Ostfront sind originales Material. Auch dieses Stilmittel findet sich in sämtlichen bundesdeutschen Kriegsfilmen der 50er Jahre. Da diese Filme ausschließlich in schwarz weiß gedreht wurden, sind die Übergänge fließend. Wiederum werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Das Drehen von Gefechten wäre sehr aufwändig und teuer, die Darstellung zerbombter Städte lediglich als wenig eindrucksvolle Trick- bzw. Modellaufnahme möglich gewesen. Noch wichtiger ist allerdings die bereits oben angedeutete zweite Funktion. Die eingeschnittenen Originalaufnahmen dienen quasi als Beweisstücke für die geschichtliche Wahrheit der im Film dargestellten Ereignisse und suggerieren dem Betrachter historische Authentizität.

Bei allen Bemühungen um Faktentreue und Authentizität ist den Machern allerdings ein zwar inhaltlich unwesentlicher, dafür aber optisch im wahrsten Sinne des Wortes „offensichtlicher“ Fehler unterlaufen. Stauffenberg wurde in Afrika schwer verwundet und verlor dabei einen Arm, zwei Finger der linken Hand und das linke Auge. Stauffenberg musste daher seitdem eine Augenklappe tragen. In Der 20.Juli trägt Stauffenberg-Darsteller Wolfgang Preiss diese Augenklappe den ganzen Film über allerdings rechts. Zudem sind in mehreren Szenen ganz deutlich sämtliche fünf Finger der „verletzten“ Hand zu sehen.
Der eigentliche Ablauf des Attentats, Stauffenbergs Schwierigkeiten die Bombe zu zünden (er konnte nur einen Zünder scharf machen), seine halsbrecherische Flucht aus dem Führerhauptquartier sowie das holprige Anlaufen des Umsturzplans „Walküre“ werden exakt wiedergegeben. Der Zuschauer wird Zeuge der zahlreichen unglücklichen Zufälle und Schwierigkeiten: Hitler überlebt fast unverletzt, Übermittlungsfehler und Kompetenzgerangel behindern den Staatsstreich. Diese Szenen sind spannend inszeniert und lassen die Dramatik der damaligen Ereignisse erahnen. Dramaturgisch ist dem Film also nichts vorzuwerfen.

Trotz der oben beschriebenen Schwächen – die sämtlich dem vorherrschenden Zeitgeist der 50er Jahre zuzurechnen sind – geht der Film weit über das in den 50er Jahren präsentierte Bild von Wehrmacht und Krieg hinaus. Schon die Wahl des Themas war ein für die Produktionszeit mutiger Schritt. Anders als heute standen Stauffenberg und seine Mitstreiter bei vielen Deutschen im Ruf von Landesverrätern und Eidbrechern. Die historische und vor allem gesellschaftliche Aufarbeitung des (militärischen) Widerstands gegen Hitler und seine Bedeutung für das Nachkriegsdeutschland steckte noch in den Kinderschuhen.

Harnack setzte dem Attentatversuch des 20. Juli 1944 ein erstes filmisches Denkmal und machte den Weg frei für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema. Der bisher letzte Beitrag, Jo Baiers Fernsehfilm Stauffenberg (2004, mit Sebastian Koch in der Titelrolle), steht in dieser Tradition und ist natürlich ein ungleich differenzierterer Film. Allerdings liegen dazwischen auch fast 50 Jahre Widerstandsforschung und Vergangenheitsbewältigung. 2008 wird sich erstmals eine Hollywood-Großproduktion dieser Thematik annehmen. Heute steht nicht mehr die Figur Claus Graf Schenk von Stauffenbergs im Focus der öffentlichen Kritik, vielmehr sein Darsteller Tom Cruise: „Ein bekennender Scientologe soll einen „Helden der deutschen Geschichte“ verkörpern? Undenkbar.“ Die innerdeutsche Diskussion über dieses „Problem“ ist ein Musterbeispiel für die aktuellen Auswüchse der „Political Correctness“ und wirft ein bezeichnendes Licht auf den heutigen Zeitgeist.

(8/ 10 Punkten)

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1 Hoffmann, Peter, Stauffenberg und der 20. Juli 1944, München 1998, S. 62

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