{"id":462,"date":"2020-07-27T11:55:56","date_gmt":"2020-07-27T11:55:56","guid":{"rendered":"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=462"},"modified":"2020-07-29T09:19:08","modified_gmt":"2020-07-29T09:19:08","slug":"ballon-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vodkasreviews.de\/?p=462","title":{"rendered":"Ballon (2018)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"Blocksatz\" style=\"font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><span class=\"Blocksatz\"><strong>\u201eThe Fugitives&#8220; &#8211; Auf der Landesflucht<\/strong><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwie ist es fast schon wieder in Vergessenheit geraten, dass direkt vor unserer Haust\u00fcr Familien und Freunde durch Mauer, Stacheldraht und systemische Gegens\u00e4tze getrennt waren. Dass ein Teil des deutschen Volkes von einer Unterdr\u00fcckungsdiktatur in die n\u00e4chste schlitterte, einfach weil man pl\u00f6tzlich auf der \u201efalschen&#8220; Seite des Landes lebte. Und vor allem, dass es nicht wenige gab, die in ihrer Verzweiflung \u00fcber ihre Unfreiheit Leib und Leben riskierten, um in den Westen zu gelangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Michael Bully Herbig hat diesen Wagemutigen nun ein eindrucksvolles filmisches Denkmal gesetzt, ganz ohne den deutschen Film h\u00e4ufig so unverdaulich machenden Hang zu Psychologisierungs-Schwermut und exstatischer Selbstanklage. Indem er den Stoff einfach als nervenzerfetzenden Thriller pr\u00e4sentiert, erreicht er etwas, was dem Gros der sich in gestelzter Dramatik verlierenden Vorl\u00e4ufer abging: Druck, Verzweiflung und Sehnsucht fluchtwilliegr DDR-B\u00fcrger wirklich erfahrbar zu machen und nachhaltig ins Zuschauerbewusstein einzubrennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der ein oder andere mag sich kurz verdutzt die Augen reiben, dass der Vater solch krachiger Humorgranaten wie \u201eBullyparade&#8220;, \u201eSchuh des Manitu&#8220;, (\u201eT)Raumschiff Surprise&#8220; und Co so mir nichts dir nichts einen schn\u00f6rkellosen Historien-Thriller pr\u00e4sentiert und damit auch noch voll ins Schwarze trifft. Wie gesagt nur kurz, denn Herbig hat bei genauerem Hinsehen schon bei seinen Kalauer-Kinohits enormes filmisches Gesp\u00fcr bewiesen und trotz aller im Vordergrund stehender Bl\u00f6deleien sowohl das Western-\u00a0 wie auch Science Fiction-Genre erkennbar sehr genau studiert gehabt. Beides sah in jeder Szene nach versiertem Regiehandwerk aus bei dem Kompetenz und Sympathie f\u00fcrs Genrekino produktiv fusionierten. Das hatte eine ganz andere Qualit\u00e4t als beispielsweise beim vermeintlichen Kom\u00f6dienstadl-Kollegen Schweigh\u00f6fer, dem au\u00dfer TV-Werbung-\u00c4sthetik der Marke Sch\u00f6ner-Wohnen-Pastiche und br\u00e4sigen Geschlechter-Flachwitzen nur wenig einf\u00e4llt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In \u201eBallon&#8220; schafft Herbig den im heimischen Kino nur selten versuchten und noch viel seltener gelungenen Spagat zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit. Was im US-Film seit jeher zum etablietren Repertoire geh\u00f6rt, scheint hierzulande eine Herkulesaufgabe. Um so sch\u00f6ner, wenn es alle Jubeljahre dennoch mal klappt. So werden wir ohne viel Federlsenes mitten ins von fiebriger Anspannung gepr\u00e4gte Leben der Familie Strelzyk geworfen. Auf der R\u00fcckfahrt von der Jugendweihe ihres \u00e4lteren Sohnes Frank lernen wir auch gleich ihren jovialen Nachbarn kennen, der es sich als Stasi-Mitarbeiter in der Diktatur so richtig gem\u00fctlich gemacht hat unjd auf der R\u00fcckfahrt ganz spontan auf eine Nachbarschaftsparty einl\u00e4dt. Der gehetzt wirkenden Strelzyks haben also allen Grund zur Panik, schlie\u00dflich planen sie noch f\u00fcr denselben Abend die monatelang vorbereitete Landesflucht per selbst gebastelten Hei\u00dfluftballon, da ist auch nur das klieinste Verdachtsmoment t\u00f6dlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind also binnen f\u00fcnf Minuten mittendrin im von Terror, Angst und Bespitzelung gepr\u00e4gten Klima der DDR-Diktatur und lernen auch gleich die zwei Seiten der Medaillle kennen, je nach Anpassungsbereitschaft an das Regime. Von Beginn liegt eine atemlose Spannung \u00fcber dem Szenario, die sich im weiteren Verlauf immer weiter zuspitzt. Denn der Fluchtversuch scheitert kurz vor der Grenze an witterungsbedingten Schwierigkeiten. Nun hei\u00dft es s\u00e4mtliche Spuren der Beteiligung zu beseitigen, ansonsten droht der gesamten Familie die ber\u00fcchtigte Stasi-Haft. Zudem bleiben f\u00fcr einen m\u00f6glichen zweiten Versuch nur wenige Wochen, da Ballon-Konstrukteur G\u00fcnter Wetzel (David Kross) zur NVA eingezogen werden soll. Unterdessen hat der Staat einen ihrer hartn\u00e4ckigsten Sp\u00fcrhunde auf den Fall angesetzt: Oberstleutnant Seidel (Thomas Kretschmann) entgeht nicht das kleinste Detail und einen Fehler haben die Fluchtwilligen bereits gemacht &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBallon&#8220; ist ein lupenreiner Thriller, ja, aber das geht nie zu Lasten historischer Authentizit\u00e4t. Nicht nur hat Herbig erkennbar akribisch recherchiert und gibt sich in punkto Ausstattung und Zeitkolorit keinerlei Bl\u00f6\u00dfen. Es gelingt ihm auch Perfidie, Opportunismus und Resignation auf der einen sowie Angst, Wut, Verzweiflung und Aufbegehren auf der anderen Seite greif- und nachvollziehbar heraus zu arbeiten. Das ist nicht nur essentiell f\u00fcr die Motivation der gegnerischen Parteien, sondern auch f\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit eines Stoffes, der sich einer auch heute noch pr\u00e4senten Phase der j\u00fcngeren Zeitgeschichte annimmt. Die st\u00e4ndige Furcht vor Entdeckung mitsamt deren unweigerlich existentiellen Folgen f\u00fcr die Landfl\u00fcchtigen \u00fcbertr\u00e4gt sich nahtlos auf den Zuschauer, der damit einen zwar eng umrissenen, aber dennoch unmittelbaren Eindruck vom Leben in einer Diktatur bekommt, den eine Dokumentation zum selben Thema niemals vergleichbar intensiv vermitteln k\u00f6nnte und bisher auch nie hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders effektiv in dieser Hinsicht ist auch Herbigs Schauspielf\u00fchrung. Friedrich M\u00fccke und Karoline Schuch sind als Ehepaar Strelzyk deswegen so glaubw\u00fcrdig, weil sie auf theatralische Ausbr\u00fcche oder ausufernde Gef\u00fchlsdramen verzichten. Angsichts des enormen Drucks k\u00f6nnen sie nur funktionieren, wenn sie fokussiert bleiben und ihre Gef\u00fchlswelt so gut wie m\u00f6glich kontrollieren. Also beschr\u00e4nket sich die Sichtbarkeit ihres Innenlebens auf Blicke, Gesten und ein paar wenige Augenblicke, in denen die D\u00e4mme zu brechen drohen. Und steht die Gef\u00fchlswelt mal doch dem eigentlichen Ziel im Weg (wie beim von der ersten gro\u00dfen Liebe \u00fcbermannten Frank), wird es sofort brandgef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gut auch, dass Herbig die deutsche Unart vermeidet die Charaktere ausschweifend zu psychologisieren, was nicht nur die Dramatik des Geschehens geh\u00f6rig ausbremsen w\u00fcrde, sondern in der gezeigten Situation schlicht keinerlei Relevanz hat. \u00dcberdies hat Herbig zahlreiche Gespr\u00e4che mit G\u00fcnter Wetzel und auch den Strelzyk gef\u00fchrt (die dann auch Beratervertr\u00e4ge erhielten), so dass man durchaus annehmen kann den echten Figuren sehr nahe gekommen zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kunst eine Geschichte mit bekanntem Ausgang &#8211; die Berichte um die gegl\u00fcckte Flucht gingen 1979 um die (westliche) Welt &#8211; spannend zu erz\u00e4hlen, ist gar nicht hoch genug zu bewerten. Der unbedingte Fokus auf Planung und Durchf\u00fchrung der Flucht ist daf\u00fcr eine sehr zief\u00fchrende Entscheidung. Auch die Reduzierung der realen drei Fluchtversuche auf nurmehr zwei im Film sowie die Verk\u00fcrzung der finalen Vorbereitungen von 10 auf 6 Wochen dienen dieser dramaturgischen Verdichtung. Permanent scheinen die Stasi und der von Kretschmann famos gespielte Seidel nur ganz kurz vor der Festnahme zu stehen, was Herbig durch eine Reihe geschickt eingebauter Twists und falscher F\u00e4hrten bis zum Anschlag ausreizt.<br \/>\nHier beherrscht jemand die Klaviatur des Thriller-Genres mit beinahe traumwandlerischer Souver\u00e4nit\u00e4t und Effektivit\u00e4t. Ein ums andere Mal f\u00fchlt man sich an den Harrison Ford-N\u00e4gelkauer &#8222;The Fugitive&#8220; erinnert &#8211; und das nicht nur, weil Thomas Kretschmann seine Rolle \u00e4hnlich (effektiv) der von Tommy Lee Jones anlegt. Vielmehr ist es die Vituosit\u00e4t mit der das gute alte Katz-und Maus-Spiel durchexerziert wird, die hier die entscheidende Referenz-Klammer abgibt. Dass dabei die wahre Geschichte dennoch ihre Wahrhaftigkeit beh\u00e4lt, ist letzlich das gr\u00f6\u00dfte Plus dieses in jeder Hinnicht hervorragend gemachten Films.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eThe Fugitives&#8220; &#8211; Auf der Landesflucht Irgendwie ist es fast schon wieder in Vergessenheit geraten, dass direkt vor unserer Haust\u00fcr Familien und Freunde durch Mauer, Stacheldraht und systemische Gegens\u00e4tze getrennt <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/vodkasreviews.de\/?p=462\">weiterlesen&#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[100,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/462"}],"collection":[{"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=462"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/462\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":464,"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/462\/revisions\/464"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=462"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=462"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=462"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}