{"id":450,"date":"2020-07-27T11:43:47","date_gmt":"2020-07-27T11:43:47","guid":{"rendered":"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=450"},"modified":"2020-07-29T09:21:23","modified_gmt":"2020-07-29T09:21:23","slug":"once-upon-a-time-in-hollywood","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vodkasreviews.de\/?p=450","title":{"rendered":"Once upon a time in Hollywood"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zwei nicht mehr ganz so glorreiche Halunken<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Once upon a time &#8230; , zu gut Deutsch \u201eEs war einmal vor langer, langer Zeit &#8230;&#8220;, kaum jemand, der hier nicht sofort an klassische M\u00e4rchen denken d\u00fcrfte. Der geneigte Cineast hat hier aber ganz sicher noch andere, wom\u00f6glich prominentere Assoziationen. Der italienische Regie-Titan Sergio Leone hat zwei seiner Filmepen so betitelt: \u201eC\u00b4era una volta il West&#8220; (\u201eSpiel mir das Lied vom Tod&#8220;) und \u201eOnce upon a time in America&#8220;. Beide befassen sich mit den ikonischsten Mythen des amerikanischen Kinos &#8211; dem Western und dem Gangsterfilm -, die sie zugleich dekonstruieren wie zelebrieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Positiv Besessene Autorenfilmer wie Leone, die mit ihren ureigenen Visionen auch breitere Publikumsschichten erreichen und faszinieren, sind praktisch ausgestorben. Spontan f\u00e4llt einem da eigentlich nur Quentin Tarantino ein. Der gern zum blo\u00dfen Meta-Guru und Recycling-Fetischist reduzierte Filmemacher ist einer der letzten origin\u00e4ren und originellen Regisseure der inzwischen g\u00e4nzlich durchindustrialisierten Traumfabrik. Nat\u00fcrlich fr\u00f6nt er exaltiert seinen filmischen Leidenschaften, die sich \u00fcber weite Strecken abseits des etablierten Mainstream erstrecken. Die Leidenschaft f\u00fcr Trash, Exploitation und genre\u00fcbergreifende B- bis C-Ware sind aber nur die halbe Wahrheit. Tarantinos Filme zeugen von einer handwerklichen und strukturellen Expertise, die nicht weiter von den verehrten Billig-Vorbildern entfernt sein k\u00f6nnten. Vor allem aber zeugen sie von einer bedingungslosen und \u00fcberbordenden Liebe zum Kino an sich und sein neuestes Werk ist daf\u00fcr so etwas wie die Quintessenz. Ein m\u00e4rchenhafter Film, der mitunter auch Leone huldigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eOnce upon a time in Hollywood&#8220; b\u00fcndelt s\u00e4mtliche Tarantino zugeschriebenen Faibles, Eigenheiten und Merkmale. Das Personal besteht aus brutalen Gangstern, zynischen Westernhelden, mystischen Sch\u00f6nheiten und allerlei schmierigen Sidekicks. Es wird wieder sehr viel geredet, was mal urkonisch, mal derb sarkastisch, mal scheinbar ziellos, mal fies pointiert daher kommt. Die eigentliche Handlung steuert ausschweifend und mehrstr\u00e4ngig auf ein Finale zu, das erz\u00e4hlerisch \u00fcberraschend, inszenatorisch daf\u00fcr erwartet eruptiv und blutig ausf\u00e4llt. Alles wie gehabt also?<br \/>\nSicher, ein kongeniales Buddy-Duo das in Sachen Chemie und Wortwitz geradezu traumhaft harmoniert, hatten wir schon in \u201ePulp Fiction&#8220;. Ein Feuerwerk an Easter Eggs und Anspielungen auf Trashperlen aus US-TV und europ\u00e4ischen Genrekino bot v.a. <a href=\"https:\/\/ssl.ofdb.de\/review\/172289,376175,Inglourious-Basterds\">\u201eInglourious Basterds&#8220;<\/a>. Seine Liebe zum Italowestern und da vor allem zu den Sergios Leone und Corbucci hat uns Tarantino wiederum bereits eindringlich in \u201eKill Bill&#8220;, <a href=\"https:\/\/ssl.ofdb.de\/review\/233288,534013,Django-Unchained\">&#8222;Django Unchained&#8220;<\/a>und <a href=\"https:\/\/ssl.ofdb.de\/review\/283232,674952,The-Hateful-8\">\u201eHateful 8&#8243;<\/a> bewiesen. Und das soulige Lebensgef\u00fchl einer ganzen Dekade bzw. Filmgattung mit perfekt ausgew\u00e4hlten Songs und entsprechender Bildsprache regelrecht f\u00fchlbar zu machen, gelang ihm schon in \u201eJackie Brown&#8220;. Zudem gibt es reihenweise Cameos bekannter Namen (wie Timothy Olyphant oder Al Pacino) und ausgewiesener Tarantino-Buddies (wie Michael Madson und Kurt Russel).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oberfl\u00e4chlich betrachtet bietet \u201eOnce upon a time in Hollywood&#8220; also wenig neues im Tarantino-Kosmos. W\u00e4re man besonders zynisch, k\u00f6nnte man sagen, der Meta-Papst ist in seinem eigenen Meta-Irrgarten gefangen. Wer also immer schon Tarantino-kritisch in dem Sinne \u201eWas soll der ganze Hype?&#8220; unterwegs war, der d\u00fcrfte sich best\u00e4tigt f\u00fchlen. Rein akademisch und rational kann man zu dem Urteil kommen, dass man lediglich fast drei Stunden zwei abgehalfterten Helden bei ihrem langsamen Niedergang zusieht, ohne dass an \u00e4u\u00dferer Handlung allzu viel passieren w\u00fcrde, geschweige denn ein relevanter Spannungsbogen erkennbar w\u00e4re. Rein akademisch und rational l\u00e4sst sich die Faszination dieses Films aber eben auch nicht mal ansatzweise erschlie\u00dfen, es ist ohnehin fraglich ob das \u00fcberhaupt f\u00fcr einen Film in G\u00e4nze funktioniert. Einem Medium das so sehr auf bildliche und emotionale \u00dcberw\u00e4ltigung setzt, kann man mit nur sachlicher Argumentation nicht gerecht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zugegeben, Hintergrundwissen zur Kino- und TV-Landschaft der 50er und 60er Jahre erh\u00f6ht den Filmgenuss ganz sicher. Gepaart mit Liebe und Leidenschaft wird das Ganze zum pers\u00f6nlichen Festival. Man muss aber kein nerdiger Cineast sein, um an Tarantinos neuntem Langfilm Freude zu haben. Ob dies nun sein pers\u00f6nlichstes Werk ist, ist gar nicht relevant, relevant ist, dass es sich so anf\u00fchlt. Beinahe sofort stellt sich ein wohliges Gef\u00fchl der Vertrautheit ein, wenn man mit Westerndarsteller Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und seinem Stuntdouble Cliff Boothe (Brad Pitt) in das bis ins kleinste Detail perfekt nachgestellte Hollywood der sp\u00e4ten 60er Jahre eintaucht. Aus praktischer jeder Szene und jeder Einstellung str\u00f6mt einem Tarantinos Liebe und Leidenschaft f\u00fcr die Epoche und ihren filmischen Output entgegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dalton steht hier stellvertretend f\u00fcr ehemalige TV-Westernstars (u.a. Clint Eastwood, Buddy Van Horn, v.a. aber Hal Needham und Burt Reynolds), die ihren schwindenden Ruhm mit Gastauftritten in anderen Serien zu konservieren versuchen und gleichzeitig auf eine zweite Leinwandkarriere hoffen. Die Serie \u201eBounty Law&#8220; (ein spezieller Tarantino-Mix aus \u201eGun Smoke&#8220; und Italo-Anleihen) ist l\u00e4ngst abgesetzt und Rick Dalton greift nach jedem Karrierestrohhalm, der sich ihm bietet. DiCaprio nimmt die schillernde Rolle dankbar an und liefert eine famose Vorstellung als ein zwischen Selbstzweifeln und Arroganz, zwischen Selbstmitleid und Professionalit\u00e4t, zwischen Alkoholismus und Disziplin hin und her gerissener Spielball im Hollywoodsystem. In einer grandiosen Szene spielt er sich als l\u00e4cherlich ausstaffierter Bad Guy einer zweitklassigen Westernserie die Seele aus dem Leib und wird dabei von seinem Regisseur mit \u201eGib mir den b\u00f6sen Hamlet!&#8220; angefeuert. Herrlich. Das gilt auch f\u00fcr seine sp\u00e4tere Weigerung in billigen Spaghetti-Streifen mitzuwirken, nicht nur weil man sofort an Eastwoods Karriereschub denkt, sondern auch an Tarantinos Begeisterung f\u00fcr den Italo-Western. Regisseur wie Darsteller jonglieren hier lustvoll mit Referenzen und Erwartungen, was den Meta-Spa\u00df teilweise bis zum Exzess ausreizt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brad Pitt hat als Daltons Stuntdouble und M\u00e4dchen f\u00fcr alles (er chauffiert den wegen Trunkenheit f\u00fchrerscheinlosen Kumpel \u00fcberall hin, gibt seinen pers\u00f6nlichen Handwerker und Kummerkasten) den vermeintlich simpleren Part. Tats\u00e4chlich ist Boothe zuvorderst eine ganz coole Socke, immer l\u00e4ssig, immer souver\u00e4n, immer im Bilde. Gewisserma\u00dfen eine Paraderolle f\u00fcr Pitt. In Wahrheit ist aber auch er l\u00e4ngst auf dem Abstellgleis. Er arbeitet nur, wenn Dalton arbeitet und nicht einmal das garantiert. An vielen Sets ist er als unkooperativ verrufen, zudem soll er seine Frau ermordet haben. Wenn er Dalton abends in sein Domizil in den Hollywood Hills gebracht hat, steigt er in sein klappriges Caprio um und f\u00e4hrt eine halbe Ewigkeit zu einem siffigen Trailer, in dem er hinter einem Autokino mit seinem Kampfhund haust.<br \/>\nBoothe ist wie Dalton ein Relikt vergangener Tage, aber g\u00e4nzlich abschreiben sollte man ihn dennoch nicht. In einer Szene zeigt er einem \u00fcberheblich wirkenden Bruce Lee die Grenzen auf. Die nicht gerade ehrfurchtsvolle Darstellung der Kampfsportlegende hat einige Tarantino-Fans verwundert und viele Lee-Fans ver\u00e4rgert, sollte aber im m\u00e4rchenhaften Kontext des Films nicht \u00fcberbewertet und mehr in ihrer dramaturgischen Bedeutung gesehen werden. Denn hier bricht sich der BadAss-Charakter Boothes unvermittelt Bahn, was f\u00fcr das Funktionieren des Finales essentiell ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Duo Pitt-DiCaprio beherrscht praktisch den ganzen Film, was die beiden wissen und weidlich nutzen. Man k\u00f6nnte ihnen auch noch drei weitere Stunden bei ihrem \u00dcberlebenskamp in einem sich ver\u00e4nderten Hollywood zusehen, ohne sich eine Sekunde zu langweilen. F\u00fcr die dritte im Star-Bunde bleibt da vermeintlich nur der Sozius. Schlie\u00dflich hat Margot Robbie als Sharon Tate nicht nur deutlich weniger Screentime, sondern auch sonst kaum etwas zu tun. Dennoch ist sie essentiell f\u00fcr diesen Film. Sie dient praktisch als Doppelchiffre f\u00fcr den Gesamtkontext. Zum einen steht sie f\u00fcr die\u00a0 fast schon kindliche Freude am guten alten Hollywoodkino, zementiert in einer Szene in der sie eine Vorstellung ihres eigenen Films besucht und inkognito die Zuschauerreaktionen genie\u00dft. Zum anderen deutet sie als bekanntes Opfer der bestialischen Manson-Morde stets ein d\u00fcsteres, brutales Ende an, das auch f\u00fcr einen Umbruch der Filmindustrie steht. Tarantino spielt geschickt mit dem Wissen der Zuschauer um die Morde und f\u00fcgt so zumindest einen unterschwelligen Spannungsboden ein. Abgesehen vom Filmende zieht er nur einmal an dieser Schraube, daf\u00fcr allerdings mit virtuoser Vehemenz. Als er Pitt alias Boothe auf der Spahn-Movie Ranch auftauchen l\u00e4sst, auf der die sogenannte Manson-Family als verschworene Hippie-Kommune haust, meint man permanent Hitchcocks Regieanweisungen aus dem Off zu h\u00f6ren.<br \/>\nDer ganze Manson-Handlungsstrang hat allerdings mehr metaphorische denn historisch-aufkl\u00e4rerische Funktion. Die von vielen bef\u00fcrchtete exploitative Ausschlachtung der Taten bleibt aus. Der dem Film nun h\u00e4ufig vorgeworfene mutlose Umgang mit der Manson-Thematik stimmt aber nur oberfl\u00e4chlich. Wie in \u201eInglourious Basterds&#8220; pr\u00e4sentiert Tarantino seine ganz eigene Version der Geschichte und in der werden Tat und T\u00e4ter degradiert und entmysthifiziert. Manson taugt hier nicht mal zum Treppenwitz. Die daf\u00fcr anger\u00fchrte Mischung aus Komik und Gewalt erinnert an &#8222;Pulp Fiction&#8220;, zu dem es werkimmanent die meisten Bezugspunkte gibt. Hier wie da bewegt sich Tarantino in einer m\u00e4rchenhaften und sehr pers\u00f6nlichen Traumwelt, die vor allem ein profundes und sehr emotionales Filmwissen ausstellt. Das Finale ist daf\u00fcr der passende Abschluss, ein allen Widrigkeiten trotzender Triumph des Kinos. Die &#8222;Inglourious Basterds&#8220; lassen gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz so furios glorios l\u00e4sst Tarantino \u201eOnce upon a time in Hollywood&#8220; diesmal zwar nicht enden, aber ein vers\u00f6hnlich hoffnungsfroher Ausklang ist unverkennbar. Den Film als verkl\u00e4renden Liebesbrief zu deuten, greift indessen zu kurz. Tarantino ist ein ebenso genauer wie scharfsinniger Beobachter und sein Blick auf das vergangene Hollywood ist keineswegs frei von Zynismen und Bissigkeit, sei es im Hinblick auf das Starsystem, oder die Strippenzieher hinter den Kulissen (Al Pacinos Kurzauftritt als Produzent als prominentestes Beispiel). Die alles durchdringende nostalgische W\u00e4rme ist dennoch omnipr\u00e4sent. Es ist mehr das Medium selbst und die damit besch\u00e4ftigenden Menschen, auf die Tarantinos wenn man so will Hommage zielt, weniger eine bestimmte gute alte Zeit. W\u00e4hrend sein Antiheldenduo und der elegische Ansatz direkt aus der Feder seines erkl\u00e4rten Liebringsregisseurs stammen k\u00f6nnte, ist die m\u00e4rchenhafte Stimmung und Darbietung das vorstechendste Merkmal. \u201eOnce upon a time &#8230;&#8220; passt also in doppelter Hinsicht f\u00fcr einen Film, wie man ihn heute eigentlich nicht mehr dreht. Der Dank gilt vor allem daf\u00fcr<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">_____________________________________________________________________________<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Rating: 9 \/ 10)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei nicht mehr ganz so glorreiche Halunken Once upon a time &#8230; , zu gut Deutsch \u201eEs war einmal vor langer, langer Zeit &#8230;&#8220;, kaum jemand, der hier nicht sofort <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/vodkasreviews.de\/?p=450\">weiterlesen&#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[100,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/450"}],"collection":[{"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=450"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/450\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":453,"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/450\/revisions\/453"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=450"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=450"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=450"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}