{"id":404,"date":"2018-11-24T10:43:42","date_gmt":"2018-11-24T10:43:42","guid":{"rendered":"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=404"},"modified":"2020-07-29T09:25:21","modified_gmt":"2020-07-29T09:25:21","slug":"404","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vodkasreviews.de\/?p=404","title":{"rendered":"Dirty Harry II &#8211; Calahan (Magnum Force) (1973)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span class=\"Blocksatz\">\u201eEin Mann sollte seine Grenzen kennen&#8220;<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"Blocksatz\">Schon der Vorspann macht unmissverst\u00e4ndlich klar, wer hier nach der Titelfigur die Hauptrolle spielt. W\u00e4hrend die Schriften ablaufen, bekommt der Zuschauer eine leinwandf\u00fcllende Handfeuerwaffe vor knallrotem Hintergrund pr\u00e4sentiert. Kurz bevor der eigentliche Film beginnt, blickt man direkt in die M\u00fcndung der Pistole und lauscht (Dirty) Harry Callahans Ausf\u00fchrungen aus dem Off: <\/span><span class=\"Blocksatz\"><em>\u201e Das ist eine 44er Magnum, die m\u00e4chtigste Handfeuerwaffe der Welt.&#8220; <\/em>\u00a0Sagts und feuert direkt auf das Publikum.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem ph\u00e4nomenalen Erfolg des ersten <em><a href=\"https:\/\/ssl.ofdb.de\/review\/442,305141,Dirty-Harry\">Dirty Harry<\/a><\/em>\u00a0-Streifens (1971) war eine Fortsetzung schnell beschlossene Sache. Der zynische und unbequeme Copthriller hatte heftigste Kontroversen ausgel\u00f6st. Hemmungslose Propagierung von Selbstjustiz oder der erzkonservative R\u00fcckfall in unselige Law-and-order-Zeiten der Wild West \u00c4ra waren noch die freundlicheren Vorw\u00fcrfe. Das Publikum wiederum str\u00f6mte weltweit in Scharen in die Lichtspielh\u00e4user und konnte sich offenbar bestens mit den r\u00fcden Methoden und radikalen Ansichten des schie\u00dffreudigen Polizisten identifizieren. Clint Eastwood wurde in der Rolle des Inspector Harry Callahan endg\u00fcltig zum Superstar des Actionkinos. Einen wesentlichen Anteil am durchschlagenden Erfolg hatte die lakonische und exakte Regie Don Siegels. An einer Serie \u00fcber den polarisierenden Cop war er allerdings wenig interessiert. Sein Freund und Hauptdarsteller war da weniger zimperlich, konnte er doch mit einem derart gewinntr\u00e4chtigen Franchise immer wieder kleinere und ambitioniertere Projekte finanzieren.<br \/>\n<em><br \/>\nCallahan<\/em> ist aber keinesfalls eine Fortsetzung, wie sie Hollywoodstudios heute scheinbar am Rei\u00dfbrett entwerfen. (Die vermeintlich gewinnbringenden Elemente werden dabei einfach in geh\u00e4ufter, gesteigerter oder bestenfalls rudiment\u00e4r variierter Form erneut auf den Zuschauer losgelassen.) Die sp\u00e4teren Regisseure Michael Cimino (<em>Die durch die H\u00f6lle gehen<\/em>) und John Milius (<em>Conan, Die rote Flut<\/em>) verfolgten dabei einen auf den ersten Blick eher ungew\u00f6hnlichen Ansatz. (Der rechtskonservative Milius &#8211; Waffennarr und Mitglied der NRA &#8211; hatte bereist am Script des ersten Teils mitgearbeitet, wurde aber erst bei <em>Callahan<\/em> offiziell als Drehbuchautor gelistet).<br \/>\nDer zweite <em>Dirty Harry<\/em>-Film wirkt eher wie eine bewusste Antwort auf die heftigen Attacken vor allem linksliberaler Kreise gegen\u00fcber dem Original. Das Thema eines aufgrund zu liberaler Gesetze, einer ausufernden B\u00fcrokratie sowie beh\u00f6rdlicher Unf\u00e4higkeit stark eingeschr\u00e4nkten Polizeiapparats wird hier zwar auf die Spitze getrieben, allerdings unter beinahe v\u00f6llig umgekehrten Vorzeichen. Diesmal ist es Harry, der die aus seiner Sicht zwar unzureichenden, zwecks mangelnder Alternativen allerdings\u00a0 konkurrenzlos dastehenden Gesetze verteidigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Callahan wird bei seinem zweiten Auftritt mit einer eingeschworenen Truppe vierer Verkehrspolizisten konfrontiert, die daf\u00fcr sorgen, dass die in ihren Augen von einer viel zu milden Justiz verw\u00f6hnten (Schwer-)Verbrecher ihrer vermeintlich gerechten (Todes-)Strafe zugef\u00fchrt werden. Das Vorgehen bei ihren Missionen ist ebenso simpel wie effektiv. Sie stoppen die jeweiligen Opfer aufgrund irgendwelcher Verkehrsdelikte und richten die v\u00f6llig Ahnungslosen dann auf offener Stra\u00dfe kaltbl\u00fctig hin. Harry ist zun\u00e4chst sehr angetan von dem Quartett, da sie es bei seinem liebsten Hobby zur Meisterschaft gebracht haben: alle vier sind ausnahmslos Meistersch\u00fctzen. Als er im Verlauf der Handlung allerdings hinter ihre dunklen Machenschaften kommt, distanziert er sich klar und eindeutig. Das offene Angebot ihrem elit\u00e4ren Kreis beizutreten, lehnt Callahan ohne zu z\u00f6gern entschieden ab. Auf die Rechtfertigung <em>\u201eWir tun das Gleiche, was die Vigilanten vor hundert Jahren getan haben, eine Art Volksjustiz. (&#8230;) Jeder Mensch, der die Ruhe und die Sicherheit der B\u00fcrger bedroht, wird hingerichtet&#8220;<\/em> antwortet Harry ganz im Sinne seiner liberalen Kritiker: <em>\u201eIst doch unm\u00f6glich, dass die Polizei pl\u00f6tzlich selber zum Richter wird. (&#8230;) Irgendwann fangen Sie an, Leute hinzurichten, die bei Rot \u00fcber die Stra\u00dfe gehen, oder aus Versehen vor einer Einfahrt parken.&#8220;<br \/>\n<\/em><br \/>\nDiese Storyidee ist \u00fcberaus clever, da Harry im Kern eigentlich ganz der Alte geblieben ist. Vor dem Hintergrund seiner \u00fcber jedes Ma\u00df hinausschie\u00dfenden Gegenspieler erscheint er aber pl\u00f6tzlich wie ein vern\u00fcnftig handelnder, weitgehend systemkonformer Gesetzesh\u00fcter. Callahans Schl\u00fcsselsatz in diesem Zusammenhang ist: <em>\u201eIch hasse dieses dumme System. Aber bis jemand mit Ver\u00e4nderungen kommt, die vern\u00fcnftig sind, halte ich mich daran.&#8220;<\/em> Nach wie vor greift er allerdings schnell zur Schusswaffe, sei es um in einer \u00e4u\u00dferst kaltbl\u00fctigen Aktion mal so nebenbei eine Flugzeugentf\u00fchrung zu vereiteln, oder eine Serie brutaler Raub\u00fcberf\u00e4lle auf diverse Gemischtwarenl\u00e4den in guter alter Wild-West-Manier ein f\u00fcr allemal zu beenden. Der Unterschied zu seinen Gegenspielern ist aber ganz deutlich. Callahan schie\u00dft nur, wenn ein Verbrechen gerade begangen wird, oder er selbst unter Beschuss ger\u00e4t. Die vier Racheengel dagegen schlagen aus dem Hinterhalt zu und richten ihre Opfer eiskalt hin, wenn diese sich in Sicherheit wiegen. Wie im ersten Film trennt Held und Gegner letzlich zwar ebenfalls\u00a0lediglich eine\u00a0d\u00fcnne Linie, die aber ungleich klarer definiert scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben dieser geschickt konstruierten, scheinbaren Liberalisierung der umstrittenen Hauptfigur, sorgt das Drehbuch auch auf anderen Ebenen f\u00fcr eine zunehmende Vermenschlichung des kompromisslosen Cops. So bekommt der Zuschauer diverse Einblicke in Harrys Privatleben. Neben seinem allerdings recht tristen Apartment bezieht sich das vor allem auf zwischenmenschliche Beziehungen. Man erlebt alte Freunde, eine ihn heimlich anhimmelnde Ehefrau eines befreundeten Kollegen sowie eine kurze Aff\u00e4re mit einer promiskuitiven Nachbarin. Selbst bei seinen Kollegen genie\u00dft er einiges Ansehen, wenn auch nur aufgrund seiner au\u00dferordentlichen F\u00e4higkeiten als Pistolensch\u00fctze. Eastwood portr\u00e4tiert Dirty Harry aufger\u00e4umter, gelassener und zufriedener als im Vorg\u00e4ngerfilm. Man sieht ihn sogar hin und wieder l\u00e4cheln. Die Botschaft ist unmissverst\u00e4ndlich: der zynische Brutalo-Cop ist gar nicht so schlimm. Er ist auch nur ein Mensch und dar\u00fcber hinaus in letzter Konsequenz durchaus auch gesetzestreu.<br \/>\n<em><br \/>\nCallahan<\/em> ist insgesamt ein weitaus gef\u00e4lligerer und bequemerer Film als das umstrittene Original. Weit weniger d\u00fcster, zynisch und polarisierend, ist Dirty Harrys zweiter Fall eine eindeutige Reaktion auf die harschen Vorw\u00fcrfe gegen\u00fcber dem Vorg\u00e4nger. Die Actionszenen sind zwar brutaler ausgefallen, wurden aber auch erheblich publikumswirksamer und krachiger inszeniert. Im Unterschied zum ersten Film bekommen sie teilweise unterhaltenden Charakter und erf\u00fcllen damit eines der wesentlichen Kriterien des Genres. Auch die Bilder San Franciscos &#8211; <em>Callahan<\/em> entstand ebenfalls ausschlie\u00dflich an Originalschaupl\u00e4tzen &#8211; wirken freundlicher und heller als in <em>Dirty Harry<\/em>. Wiederholt wird beispielsweise die Golden Gate Bridge in Postkartenmanier in Szene gesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An atmosph\u00e4rischer Dichte, hinsichtlich seiner d\u00fcster-bedrohlichen Grundstimmung sowie was das provokant-kontroverse Aufgreifen unbequemer gesellschaftspolitischer Themen anbelangt, bleibt Don Siegels Film allerdings unerreicht. Ted Posts Regie ist zu gef\u00e4llig, Michael Ciminos und John Milius Drehbuch zu publikumsanbiedernd, um die teilweise verst\u00f6rende Wirkung des Vorg\u00e4ngers wiederholen zu k\u00f6nnen. Das war aber scheinbar auch gar nicht beabsichtigt.<br \/>\nDas offenkundige Bem\u00fchen die umstrittene Titelfigur zu vermenschlichen und teilweise aus der Schusslinie liberaler Kritik zu nehmen ohne dabei deren Grundeinstellung zu verraten bzw. zu opfern, kann hier als durchschlagender Erfolg gewertet werden. Eastwoods aufger\u00e4umteres Spiel und ganz wesentlich das in dieser Hinsicht \u00fcberaus clevere Script sind daf\u00fcr hauptverantwortlich. Und der Publikumserfolg gab den Machern recht. Der nicht mehr ganz so dirty Harry \u00fcbertraf den bereits \u00e4u\u00dferst profitablen Originalfilm an der Kinokasse noch um ein Vielfaches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sein Vorg\u00e4nger produzierte auch <em>Callahan<\/em> einen markanten Oneliner, der Teil der (zumindest amerikanischen) Popkultur werden sollte: <em>\u201eA man hast to know his limitations.&#8220;<\/em> Obgleich an seinen bornierten Vorgesetzten gerichtet, kann dieses Motto aber ebenso gut auf den Filmcharakter des Dirty Harry selbst angewendet werden. In gewisser Weise steht es als zentrales Leitmotiv \u00fcber dem zweiten Teil der Reihe, der vordergr\u00fcndig eindeutig Z\u00fcndstoff aus der kontroversen Figur herausnahm, nur um am Ende noch triumphaler zur\u00fcckzukehren und die scheinbar von au\u00dfen gesetzten Grenzen zu sprengen.<br \/>\n<strong><br \/>\n(7,5\/10 Punkten)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEin Mann sollte seine Grenzen kennen&#8220; Schon der Vorspann macht unmissverst\u00e4ndlich klar, wer hier nach der Titelfigur die Hauptrolle spielt. 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