{"id":398,"date":"2018-11-24T10:37:42","date_gmt":"2018-11-24T10:37:42","guid":{"rendered":"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=398"},"modified":"2020-07-29T09:25:44","modified_gmt":"2020-07-29T09:25:44","slug":"dirty-harry-1971","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vodkasreviews.de\/?p=398","title":{"rendered":"Dirty Harry (1971)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span class=\"Blocksatz\">\u201eDer urbane Revolverheld &#8211; oder zynischer Individualismus im Polizeifilm&#8220;<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"Blocksatz\">Das moderne Actionkino ist voll von kompromisslosen Individualisten. Gerade im Subgenre des Polizeifilms tummeln sich diese zu allem entschlossenen Einzelg\u00e4nger. Ihr Credo ist es, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, koste es was es wolle. Da sind schon auch einmal ein paar Dehnungen der geltenden Gesetze von N\u00f6ten. Ohnehin haben sie ihren ganz eigenen Moralkodex. Recht und Gesetz sind f\u00fcr sie keinesfalls synonyme Begriffe. Um Verbrecher zur Stecke zu bringen, werden Gesetzesvorschriften eher als Hemmschuh empfunden. Die verhasste B\u00fcrokratie wird neben den T\u00e4tern zur eigentlichen Nemesis. Der Gebrauch der Schusswaffe erscheint als zwar extremes, aber h\u00e4ufig durchaus probates Mittel der Probleml\u00f6sung. Vorgesetze oder Regierungsorgane erscheinen meist als inkompetente oder ausgebrannte St\u00f6rfaktoren, die es zu \u00fcbergehen gilt.<\/span><strong><span class=\"Blocksatz\"><br \/>\n<\/span><\/strong><span class=\"Blocksatz\">Ob Serpico, John McClane oder Martin Riggs, die erfolgreiche (filmische) Polizeiarbeit wird letztlich durch Werte wie Besessenheit, Beharrlichkeit und zupackendes Handeln definiert. Ja, selbst in der kom\u00f6diantischen Variante wird der zupackende Individualismus zum Ma\u00df aller Dinge stilisiert. Auch Axel Foley muss sich durch einen wahren Dschungel beh\u00f6rdlicher Fallstricke, Inkompetenz und Engstirnigkeit quasseln, bis er letztlich &#8211; dann ebenfalls mit der Schusswaffe &#8211; Recht und Ordnung wieder herstellen kann. Gerade weil die Realit\u00e4t erheblich komplexer und diffuser ist, solche Cops eher auf der Anklagebank landen oder in innerdienstlichen Verfahren aussortiert werden, erscheinen diese \u00fcber den Dingen stehenden Einzelk\u00e4mpfer so anziehend f\u00fcr das Publikum.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Filmfigur die das Genre definierte und bis heute unz\u00e4hlige Nachahmer produzierte erschien erstmals 1971 auf der Leinwand: Inspector Harry Callahan vom San Francisco Police Department, weit besser bekannt als <em>Dirty Harry<\/em>. Mit dem knallharten Einzelg\u00e4nger-Cop erschufen Hauptdarsteller Clint Eastwood und Regisseur Don Siegel einen der umstrittensten und pr\u00e4gendsten Charaktere der Filmgeschichte. Als der Film Anfang der 1970er Jahre in die Kinos kam, gab es nicht nur in den USA einen Aufschrei der Entr\u00fcstung. Insbesondere liberale Kreise zeigten sich zutiefst schockiert ob einer angeblich offenkundigen Aufforderung zu Selbstjustiz und Rechtsradikalismus. Eine Kritikerin ging sogar so weit dem Film faschistoide Untert\u00f6ne zu unterstellen. Die enorme Popularit\u00e4t <em>Dirty Harrys<\/em> &#8211; der Film war ein weltweiter Kassenschlager &#8211; heizte die aufgeladene Stimmung noch zus\u00e4tzlich an.<br \/>\nUm diese extrem negative Rezeption bei gleichzeitig ph\u00e4nomenalem Publikumserfolg zu verstehen, muss man sich die gesellschaftlichen Bedingungen zur Entstehungszeit vergegenw\u00e4rtigen. Watergate, das Vietnamtrauma und die damit verbundenen Unruhen sowie die von einem Gros der US-B\u00fcrger als eine zunehmende Aush\u00f6hlung der Gesetze zugunsten der Angeklagten empfundenen <em>Miranda<\/em>&#8211; und <em>Escobedo<\/em>-Urteile kreierten eine Stimmung von Verunsicherung und Ohnmacht in der amerikanischen Bev\u00f6lkerung, die die Sehnsucht nach einfachen L\u00f6sungen durch einen starken Mann n\u00e4hrte. Eastwoods <em>Dirty Harry<\/em> traf genau den Nerv dieser unterschwelligen Sehns\u00fcchte und kompensierte ein komplexes Geflecht dumpfer \u00c4ngste und Bed\u00fcrfnisse. Hier war ein geradliniger Gesetzesh\u00fcter &#8211; frustriert von B\u00fcrokratie, beh\u00f6rdlicher Inkompetenz und gesellschaftlicher Schw\u00e4che &#8211; der das Gesetz in die eigene Hand nahm und mit humorloser Entschlossenheit und einem geh\u00f6rigen Ma\u00df an Political Incorrectness f\u00fcr Gerechtigkeit sorgte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Eastwood heute in Interviews die Bedeutung und Intentionen des Films herunterspielt und behauptet man habe einfach einen spannenden Copfilm drehen wollen, erscheint das wenig glaubw\u00fcrdig. Zu eindeutig sind die Verweise auf damalige brisante Themen und Ereignisse. So wird mit dem psychopathischen Killer Scorpio (Andrew Robinson) ein Gegenspieler aufgebaut, der ganz offensichtlich dem bis heute nicht gefassten Zodiac-Killer nachempfunden ist. Wie sein historisches Vorbild mordet Scorpio wahllos aus dem Hinterhalt und wendet sich mit anonymen Erpressungs-Botschaften an die Presse. Die Bev\u00f6lkerung ist zutiefst verunsichert, zumal die Polizei machtlos scheint.<br \/>\nAls es Harry schlie\u00dflich gelingt Scorpio nach drei Morden dingfest zu machen, muss dieser wieder auf freien Fu\u00df gesetzt werden, da Harry ihn folterte um den Aufenthaltsort eines entf\u00fchrten M\u00e4dchens zu erfahren. Die gefundene Mordwaffe sowie das erzwungene Gest\u00e4ndnis sind vor Gericht nicht zul\u00e4ssig. Durch die Figur eines Staatsanwalts der Harry belehrt, greift der Film auch bewusst das kontrovers diskutierte Miranda-Urteil auf (Polizisten hatten Verbrecher nicht \u00fcber ihre Rechte aufgekl\u00e4rt, so dass diese wieder freigelassen wurden). Wenn der frustrierte Harry seinem Gegen\u00fcber ein \u201e<em>Such a law is crazy<\/em>!&#8220; entgegenschleudert, d\u00fcrfte er vielen Zeitgenossen aus der Seele gesprochen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der psychopathische Killer wird von Anfang an als Gegenst\u00fcck zu Harry aufgebaut, nicht zuletzt um dessen radikales Handeln zu legitimieren. Die beiden Protagonisten erscheinen als Vorder- und R\u00fcckseite derselben Medaille, lediglich getrennt durch eine d\u00fcnne Linie, die Recht von Unrecht unterscheidet. Die \u00dcberg\u00e4nge sind dabei h\u00e4ufig flie\u00dfend. Scorpio ist ebenso brutal, zynisch und zielstrebig in seinem Handeln wie Callahan. Er ist ein Einzelk\u00e4mpfer, der au\u00dferhalb der Gesellschaft steht. Wie Harry ist er ein Meistersch\u00fctze und t\u00f6tet ohne zu z\u00f6gern. Sein Antriebsmotor scheint Besessenheit und Lust am perversen Spiel. Auch Harry ist besessen von der (Verbrecher-)Jagd und genie\u00dft deren Gefahren und Adrenalinsch\u00fcbe. Eine der ber\u00fchmtesten und meistzitierten Szenen des Films macht dies deutlich. In seiner Mittagspause vereitelt Harry ganz nebenbei einen Bank\u00fcberfall. Hot Dog in der einen, die \u00fcbergro\u00dfe 44er Magnum in der anderen Hand erschie\u00dft er kurzerhand zwei fl\u00fcchtige R\u00e4uber. Den dritten hat er lediglich verwundet. Im anschlie\u00dfenden Dialog wird eine weitere Parallele zwischen Callahan und Scorpio deutlich: Sadismus:<br \/>\n<em>\u201eJetzt \u00fcberlegst du, ob da nun sechs Sch\u00fcsse raus sind oder nur f\u00fcnf. Wenn ich ehrlich sein soll, ich hab in der Aufregung selbst nicht mitgez\u00e4hlt. Das ist eine 44er Magnum, der Ballermann ist au\u00dferordentlich gef\u00e4hrlich, ich brauch blos zu dr\u00fccken und er rei\u00dft dir den Arsch ab. Frag dich doch mal ob du nen Gl\u00fcckskind bist. Was denkst du Bruder, ist noch ne Kugel drin?&#8220;<\/em> Daraufhin dr\u00fcckt er ab, wohlwissend, dass die Trommel leer ist. Am Ende wird sich diese Szene fast eins zu eins wiederholen. Doch diesmal ist noch ein Schuss \u00fcbrig und Harry wei\u00df das.<br \/>\nHarrys innige Beziehung zu seiner Waffe ist kein Gag. Die 44er Magnum &#8211; urspr\u00fcnglich als Jagdpistole konzipiert &#8211; wird zu einem eigenst\u00e4ndigen Charakter des Films. Sie ist das Tod bringende Schwert der Rache, das der mit F\u00fc\u00dfen getretenen Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Die Kameraeinstellungen &#8211; ebenso das Artwork zahlreicher Werbeplakate f\u00fcr den Film &#8211; lassen sie als verl\u00e4ngerten Arm Callahans erscheinen. Auch die erste Einstellung von Scorpio ist sein Scharfsch\u00fctzengewehr. Der Zuschauer sieht zuerst einen \u00fcbergro\u00dfen Schalld\u00e4mpfer, erst dann wird der Sch\u00fctze dahinter sichtbar. Die angedeutete Verwandtschaft zu Harry ist \u00fcberdeutlich. Beide benutzen ihre m\u00e4chtigen Waffen, um ihre Ziele durchzusetzen. Die Waffe als Machtinstrument, als Fetisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute ist <em>Dirty Harry<\/em> l\u00e4ngst zum Klassiker avanciert und wird weit weniger aufgeregt besprochen. Viele damals umstrittene Elemente haben Einzug in das Actiongenre gehalten uns sind dort zu festen Gr\u00f6\u00dfen geworden. Eine Figur wie Harry Callahan tr\u00e4gt weit mehr ikonische denn realistische Z\u00fcge. Wirkliche Polizeiarbeit sieht anders aus und der Zuschauer ist sich dessen auch bewusst. Der Film polarisiert bei weitem nicht mehr so stark wie zu seiner Entstehungszeit, als er in ein aufgeheiztes Klima gesellschaftlicher Spannungen platzte. Die erzkonservative Grundhaltung der Titelfigur und dessen simple L\u00f6sungsans\u00e4tze k\u00f6nnen aber sicherlich auch heute noch diskutiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der enorme Erfolg von <em>Dirty Harry<\/em> zog bis dato vier \u00fcberaus erfolgreiche Fortsetzungen nach sich. Die Intensit\u00e4t und atmosph\u00e4rische Dichte des Originals konnte dabei allerdings nie mehr erreicht werden. Regisseur Don Siegel &#8211; der nur den ersten Teil inszenierte &#8211; und Clint Eastwood schufen einen stilbildenden Genreklassiker, der auch heute noch durch seine beklemmende Grundstimmung und kontroverse Ausrichtung mitrei\u00dft. Der teilweise treibende, teilweise bedrohlich im Hintergrund brodelnde, insgesamt aber eher spartanisch anmutende Score transportierte perfekt die nihilistische Atmosph\u00e4re des Films. Siegels Inszenierung wirkt \u00e4hnlich unaufgeregt und lakonisch wie der titelgebende Protagonist. Die Figur des <em>Dirty Harry<\/em> sowie zahlreiche Dialogzeilen (v.a. <em>\u201eDo you feel lucky, punk?&#8220;<\/em>) hielten Einzug in die Popkultur. Siegel gelang es, Eastwood als Superstar zu installieren und sein Image f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahrzehnte zu pr\u00e4gen. Nach der Dollartrilogie bedeutete <em>Dirty Harry<\/em> Eastwoods endg\u00fcltigen Durchbruch als Filmstar in seinem Heimatland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In vielerlei Hinsicht erscheint Inspector Callahan als urbane Version des Mannes ohne Namen. Zwar auf unterschiedlichen Seiten des Gesetzes stehend, verbindet beide Figuren eine mythische Ausstrahlung, die sich in erster Linie durch deren ureigenen Moralkodex manifestiert, dem beide unbeirrbar, geradezu stoisch folgen und ohne Kompromisse treu bleiben. Wortkarg, lakonisch und nur seinem eigenen Gerechtigkeitssinn folgend, ist Harry der typische amerikanische Antiheld, wie er auch in zahlreichen Western der klassischen \u00c4ra auftaucht. Als der dreckige Job getan ist, die Gesellschaft ihren Retter &#8211; zu dem sie ohnehin ein eher ambivalentes Verh\u00e4ltnis hatte &#8211; nicht mehr braucht, verschwindet er einfach wieder. Gegen den Widerstand seines Hauptdarstellers setzte Don Siegel die zynische Schlusssequenz durch, die diese Reminiszenz verdeutlicht und den Bogen zum mythischen Westernhelden schl\u00e4gt. Am Ende wirft Harry angewidert seine Polizeimarke weg und geht davon. Er reagiert dabei auf exakt dieselbe Weise wie Gary Cooper in <em>High Noon<\/em>. \u201eA man has to do what has to be done. Sometimes it\u00b4s as simple as that.&#8220;<br \/>\n<strong><br \/>\n(9,5\/10 Punkten) <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer urbane Revolverheld &#8211; oder zynischer Individualismus im Polizeifilm&#8220; Das moderne Actionkino ist voll von kompromisslosen Individualisten. Gerade im Subgenre des Polizeifilms tummeln sich diese zu allem entschlossenen Einzelg\u00e4nger. 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