{"id":370,"date":"2018-10-14T20:34:19","date_gmt":"2018-10-14T20:34:19","guid":{"rendered":"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=370"},"modified":"2020-07-29T09:28:27","modified_gmt":"2020-07-29T09:28:27","slug":"bad-times-at-the-el-royale-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vodkasreviews.de\/?p=370","title":{"rendered":"Bad Times at the El Royale (2018)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b>Mythos Motel als Noir-Vexierpiel<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Motel geh\u00f6rt zu den letzten Mythenorten des Kinos. Die meist etwas sch\u00e4bige, abgelegene und sp\u00e4rlich gebuchte Unterkunft steht wie kaum etwas sonst geradezu ikonographisch f\u00fcr ein unglamour\u00f6se und etwas zwielichtiges Amerika, das gleich neben seinen zentralen Verkehrsadern beginnt und quasi unentwegt von ihnen beliefert wird. Der Hollywood-Film hat sich dieses Mythos vor allem immer dann gerne bedient, wenn er von all den Abgr\u00fcnden erz\u00e4hlen wollte, die nur ganz knapp unter der blitzblanken Oberfl\u00e4che aus \u00fcberbordendem Selbstbewusstsein, unb\u00e4ndigem Fortschrittsglauben und sendungsw\u00fctigem Optimismus schlummern. Das El Royale am Lake Tahoe in ist ein solches Etablissement, offiziell zwar ein Hotel, in seiner architektonischen Anlage, seiner offen zur Schau gestellten Trauer \u00fcber l\u00e4ngst vergangene und deutlich bessere Zeiten und insbesondere in seiner unheilvollen Aura ein geradezu klassischer Ableger der Motor-Variante.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass wir hier Zeugen eher unerbaulicher Ereignisse werden, macht uns schon der Titel klar. \u201eBad Times at the El Royal&#8220; klingt geradezu verhei\u00dfungsvoll, wenn man gerne auch mal abseits der ausgetretenen Good Vibrations-Pfade unterwegs ist. Und es gibt noch mehr berechtigte Vorfreude. Drew Goddard hatte bereits mit dem eigenwilligen Horrorst\u00fcck \u201eCabin in ther Woods&#8220; gezeigt, dass man auch in einem sich faul in Splatter und Redundanz flezendem Genre mit unkonventionellen Ideen und einem fokussierten Erz\u00e4hlwillen noch neue Reize setzen kann. Vieles, was er dort in den Ring warf, l\u00e4sst nun auch das El Royale in neuem Glanz erstrahlen, also nicht den realen Ort, sondern das angestaubte filmische Verm\u00e4chtnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vier Personen checken praktisch gleichzeitig ein, was in dem vor sich hin siechenden El Royale einer jahrelang entbehrten Rush Hour gleich kommt. Die Lobby ist erst gar nicht besetzt, also beschnuppern sich die Neuank\u00f6mmlinge gewisserma\u00dfen notgedrungen: Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges), S\u00e4ngerin Darleene Sweet (Cynthia Erivo), Stabsaugervertreter Laramie Seymour Sullivan (Jon Hamm) und Hippiegirlie Emily Summerspring (Dakota Johnson). Nat\u00fcrlich ahnt man l\u00e4ngst, dass keiner der vier ist, wer oder was er vorgibt zu sein. Der Clou besteht nicht aus der Erkenntnis dieser fast schon logischen Tatsache, sondern in Goddards erz\u00e4hlerischer Pr\u00e4sentation, die auch visuell vor Einfallsreichtum spr\u00fcht. Nach und nach, teilweise durch R\u00fcckblenden, teilweise durch Perspektivenwechsel enth\u00fcllt er so ein faszinierendes Tableau von Aktion und Reaktion bei dem nur eines gewiss scheint, die Ungewissheit \u00fcber den weiteren Verlauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich interessiert sich mal jemand wirklich f\u00fcr seine Figuren und gibt ihnen entsprechend Raum zur Entfaltung. Das ist nicht nur ein Gl\u00fcck f\u00fcr den gro\u00dfartigen Cast, auch wir als Zuschauer kommen in den erschreckend selten gewordenen Genuss, filmische Charaktere mal kennen zu lernen. In das ohnehin schon explosive Figurenkarusell setzt Goddard dann noch drei weitere Passagiere, was Plotentwicklung und Erwaltungshaltung endg\u00fcltig auf Kollionskurs bringt. Denn dar\u00fcber dass mit dem Rezeptionisten Miles Miller (Lewis Pullman) und Laramies kleiner Schwester Rose (Cailee Spaeny) etwas ganz gewaltig nicht stimmt, besteht nicht der geringste Zweifel. Und wieder besteht der Reiz nicht im \u201edass&#8220;, sondern ausschlie\u00dflich im \u201ewas&#8220;. Aber selbst hier kann Goddard noch nachlegen, indem er im letzten Akt den Sekten-Guru Billie Lee (\u201eThor&#8220; Chris Hemsworth) auftreten l\u00e4sst, dessen s\u00fcffisantes \u201eHowdy&#8220; zu Begr\u00fc\u00dfung einem Donnerhall gleich kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBad Timnes at the El Royale&#8220; atmet nat\u00fcrlich in jeder Facette den Neo-Noir-Geist, aber selbst diese Ettikettierung wei\u00df Goddard visuell und narrativ immer wieder geschickt zu unterlaufen bzw. ganz eigen zu interpretieren. Die unkonventionelle Zusammensetzung diverser Plotelemente, die selbtbewusst zur Schau gestellte Dialoglastigkeit, die diebische Freude am twistreichen Erz\u00e4hlen gepaart mit gen\u00fc\u00dflich unvermittelt herein brechenden Gewalteruptionen sowie der Mut zur ausgedehnten Laufl\u00e4nge schreien f\u00f6rmlich nach dem Tarantino-Vergleich, zumal sie offenbar auch noch die Liebe zu Motown und Soul teilen. Gerecht wir man dabei beiden nicht und das keineswegs nur, weil der Meister mit \u201eHateful 8&#8243; letztens das deutlich schw\u00e4chere Kammerspiel abgeliefert hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drew Goddard ist vieles, aber bestimmt kein Tarantino-Klon. Er bedient sich \u00e4hnlicher Stilmittel bzw. verf\u00fcgt \u00fcber \u00e4hnliche St\u00e4rken, hat dabei aber eine g\u00e4nzlich andere Handschrift, die weniger schwadronierend und letzlich auch weniger selbstverleibt daher kommt. Das muss nicht so bleiben, aber f\u00fcrs erste ist er damit ein spannenderer Filmemacher, als der zunehmend selbtsrefrentiell anmutente Tarantino. Wer sich also mal eine Auszeit aus der filmischen Mainstream-Landschaft und ihrer \u00dcberbev\u00f6lkerung aus Superhelden, \u00fcbersinnlichen D\u00e4monen und kalauernden Komiker-Shablonen nehmen will, der sollte unbedingt im El Royale einchecken. Das ist noch echter Abenteuerurlaub, garantiert erwartungsresistent und erfrischend unangepasst. Wer es gern hochtrabender hat: \u201eEl Royal&#8220; verhandelt den Mythos Motel als faszinierendes Noir-Vexierspiel.<\/p>\n<p>________________________________________<\/p>\n<p><span style=\"font-family: comic sans ms,sans-serif;\">(Rating: 8,5 \/ 10)<\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"font-size: 10pt;\">Gesehen im cinemaxx Augsburg, Oct. 12 2018<\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mythos Motel als Noir-Vexierpiel Das Motel geh\u00f6rt zu den letzten Mythenorten des Kinos. 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