{"id":314,"date":"2018-07-20T05:24:27","date_gmt":"2018-07-20T05:24:27","guid":{"rendered":"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=314"},"modified":"2018-07-20T05:46:55","modified_gmt":"2018-07-20T05:46:55","slug":"es-geschah-am-20-juli-1955","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vodkasreviews.de\/?p=314","title":{"rendered":"Es geschah am 20. Juli (1955)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"Blocksatz\" style=\"font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><span class=\"Blocksatz\"><strong>\u201eWiderstand im Widerstreit&#8220;<br \/>\n<\/strong><br \/>\nAnders als heute war der Widerstand gegen das NS-Regime unter der bundesdeutschen Bev\u00f6lkerung der 1950er Jahre durchaus umstritten. Dies zeigt vor allem die Kontroverse um den milit\u00e4rischen Widerstand gegen Hitler. Zwar distanzierte sich die Wehrreform der Regierung Adenauer klar vom nationalsozialistischen Unrechtssystem und der Verstrickung der Wehrmachtsf\u00fchrung in dasselbe, andererseits lehnten noch 1951 60% der ehemaligen Berufssoldaten den Widerstand gegen das NS-Regime ab. Besonders im Kreuzfeuer der Kritik stand der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944. So herrschte bei der \u00fcberwiegenden Zahl der ehemaligen Soldaten die Auffassung vor, dass der Eid die h\u00f6chste Maxime soldatischen Verhaltens sei und folgerichtig zu Gehorsam gegen\u00fcber jedweder politischen F\u00fchrung zwinge. Erst ab Mitte der 60er Jahre ist bei den Bundeswehrsoldaten ein weitestgehender Konsens \u00fcber die positive Bewertung und W\u00fcrdigung der M\u00e4nner des 20. Juli festzustellen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor diesem Hintergrund erscheint es kaum verwunderlich, dass in der h\u00f6chst erfolgreichen bundesdeutschen Kriegsfilmwelle das Thema Widerstand entweder g\u00e4nzlich ausgespart (<em>08\/15, Der Stern von Afrika<\/em>) oder in verkl\u00e4render Form (<em>Canaris, Des Teufels General<\/em>) pr\u00e4sentiert wurde. Lediglich zwei Produktionen gingen das Risiko ein, den milit\u00e4rischen Widerstand direkt zu thematisieren und sollten damit auch prompt (finanziellen) Schiffbruch erleiden: Falk Harnacks <em><a href=\"https:\/\/ssl.ofdb.de\/review\/58042,253714,Der-20-Juli\">Der 20. Juli<\/a><\/em> sowie G.W. Papsts <em>Es geschah am 20. Juli<\/em>. In beiden F\u00e4llen ist die zentrale Thematik das von der milit\u00e4rischen Opposition um Oberst Graf v. Stauffenberg und Generaloberst a.D. Beck geplante Attentat auf Hitler sowie der darauffolgende Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944.<br \/>\n<em><br \/>\nEs geschah am 20. Juli<\/em> beginnt mit einer Besprechung der Verschw\u00f6rergruppe. Schon hier wird deutlich, wie der Film das Minenfeld Gewissen und Moral gegen\u00fcber Eid und Gehorsamspflicht sowie die Kontroverse um Hochverrat bzw. Landesverrat zu umgehen gedachte. Wie bei <em>Canaris<\/em> oder <em>Des Teufels Gen<\/em>eral muss die drohende Niederlage der Wehrmacht <em>(\u201emilit\u00e4rische (&#8230;) R\u00fcckschl\u00e4ge sind (&#8230;) in (&#8230;) krasser Form eingetreten und t\u00e4glich kommen neue&#8220;<\/em>) und damit die drohende Zerst\u00f6rung Deutschlands als Hauptargument f\u00fcr die Notwendigkeit von Widerstand herhalten. Der Krieg ist verloren und muss so schnell wie m\u00f6glich beendet werden, <em>\u201esonst wird das deutsche Volk den Becher bis zur Neige ausleeren m\u00fcssen&#8220;<\/em>. Nationalsoziaistischen Kriegsziele und Kriegszwecke werden (entgegen den historischen Fakten) nicht verurteilt.<br \/>\nDie Entscheidung zum Attentat, so Beck. Ist der Sieg des Gewissens \u00fcber falsche Treue- und Gehorsamspflicht: <em>\u201eIch denke an eine Zeit, wo der Soldat nicht nur dem befehl, sondern zuerst seinem Gewissen folgte.&#8220;<\/em> Hinsichtlich dieser Gewissensentscheidung sucht man dann allerdings im Verlauf des Films vergeblich nach moralischen Motiven. Dies verdeutlicht insbesondere der Umgang mit der brisanten Thematik um Fahneneid und Treueschwur, also der zentralen Frage wem gegen\u00fcber der Eid zu halten ist &#8211; den verbrecherischen Machthabern oder einem betrogenen Deutschland. Folglich wird der Hochverratsproblematik auch nicht ausgewichen, der potentielle Vorwurf des Zuschauers wird vielmehr offensiv zur\u00fcckgewiesen. So erwidert Stauffenberg auf den Vorwurf eine Offiziers, das geplante Attentat sei Hochverrat:<br \/>\n<em>\u201eIst es Hochverrat an ein besseres Deutschland zu glauben? Wollen Sie weiter zusehen, wie alles zugrunde geht? Billige Sie, das unsere Ehre in den Schmutz gezogen wird, die Ehre Deutschlands? Nennen Sie es Hochverrat sich dagegen zur wehr zu setzen? Ist das Hochverrat?<br \/>\n<\/em>Daraufhin der Offizier: <em>\u201eIch habe einen Fahneneid geschworen, an den halte ich mich!&#8220;<br \/>\n<\/em>Erneut Stauffenberg: <em>\u201eEinen Fahneneid. Auf wen? Auf einen Mann, der seinen Fahneneid hundertfach gebrochen hat. Oder hat er seinen Eid auf die Verfassung gehalten? Hat er seiner Treuepflicht gen\u00fcgt?&#8220;<br \/>\n<\/em>Stauffenberg rechtfertigt seine Tat hier eindeutig mit der patriotischen Pflicht einem besseren Deutschland gegen\u00fcber (das in der Gestalt der BRD dann ja auch kommt). Geschickt wird das Wissen der Nachgeborenen um den tats\u00e4chlichen Geschichtsverlauf dazu benutzt, den Widerstand zu legitimieren. Auf die gleiche Weise wird dem Hochverratsvorwurf begegnet: Hitler war es, der &#8211; als Hauptverantwortlicher f\u00fcr die nationale Katastrophe Deutschlands &#8211; den <em>\u201eEid hundertfach gebrochen&#8220;<\/em> hat. Der F\u00fchrer selbst, so die logische Schlussfolgerung, ist ein Hochverr\u00e4ter, demgegen\u00fcber die Gehorsamspflicht nat\u00fcrlich nicht mehr gelten kann. Stauffenberg ist somit kein \u201eEidbrecher&#8220;, sondern ein \u201eEidwahrer&#8220;, der den Eid seinem Vaterland gegen\u00fcber gerade dadurch erf\u00fcllt, dass er dem Verbrecher, dem es in die H\u00e4nde gefallen ist, den Gehorsam verweigert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese ganze Rechtfertigungsargumentation baut damit im wesentlichen auf das Wissen des Zuschauers um den Ausgang des Krieges. Auf die Thematisierung von &#8211; f\u00fcr den echten Stauffenberg durchaus zentralen &#8211; moralischen, ethischen und religi\u00f6sen Motiven im Zusammenhang mit der Verurteilung des NS-Regimes, wird v\u00f6llig verzichtet. Die Beschr\u00e4nkung auf das Motiv der Niederlage Deutschlands diente wohl vor allem dazu, den Zuschauer der 50er Jahre zu beruhigen, der diese Entwicklung ja nicht zwangsl\u00e4ufig hat vorhersehen k\u00f6nnen. Bei der Nennung ethisch-religi\u00f6ser Motive h\u00e4tten sich wohlm\u00f6glich viele mit de unausgesprochenen Vorwurf konfrontiert gesehen, selbst keinen Widerstand geleistet zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die W\u00fcrdigung der Tat vom 20. Juli erfolgt schlie\u00dflich aus einer gegenwartsorientierten Perspektive, der Zuschauer soll den sinnstiftenden Wert des Attentats f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis der Bundesrepublik erkennen. Gleich zu Beginn des Films meint Generaloberst Beck auf die Frage, ob bei einem Misslinge des Attentats alles umsonst w\u00e4re: <em>\u201eNein. Und wenn wir nur den Weg zur Umkehr zeigen, Vielleicht werden andere den Weg weitergehen.&#8220;<\/em> Die Existenz des neuen demokratischen deutschen Staates best\u00e4tigt diese Vorhersage. Das Opfer der Widerst\u00e4ndler f\u00fcr eine bessere Zukunft war also nicht umsonst! De Geschichtsverlauf erscheint damit als ein aus de Geiste der Nachgeborenen interpretierter Schicksalsverlauf. Dies verkl\u00e4rt nicht nur die widerst\u00e4ndischen Milit\u00e4rs zu \u201eV\u00e4tern der westdeutschen Demokratie&#8220;, sondern suggeriert dar\u00fcber hinaus das historische falsche Bild von einer im demokratischen Geist gepr\u00e4gten Wehrmacht.<br \/>\n<em><br \/>\nEs geschah am 20. Juli<\/em> war ein finanzieller Misserfolg. Das mag zum Teil am etwas h\u00f6lzernen Spiel des Hauptdarstellers Bernhard Wicki (der als Regisseur mit <em>Die Br\u00fccke<\/em> nur wenig sp\u00e4ter einen der gr\u00f6\u00dften Erfolge im selben Genre feiern sollte) gelegen haben, zum Teil sicherlich auch an G.W. Papsts k\u00fchler Regie (der Film ist mehr n\u00fcchterner Dokumentar- denn dramatischer Spielfilm). Als zentraler Grund scheint allerdings weit mehr die umstrittene Thematik des milit\u00e4rischen Widerstands und der Plan einer Beseitigung Hitlers f\u00fcr die Ablehnung des Publikums verantwortlich gewesen zu sein. Anders als in den beinahe zeitgleich entstandenen Kassenschlagern <em>Canaris<\/em> und <em>Des Teufels General<\/em> konnte dem brisanten Thema von Hoch- und Landesverrat nat\u00fcrlich nicht ausgewichen werden.<br \/>\n<em><br \/>\nEs geschah am 20. Juli<\/em> ist letztlich weit mehr Dokument seiner Entstehungszeit als historisch korrekte Aufarbeitung der Geschehnisse um das Attentat auf Hitler. Zwar werden Ablauf und Details des Umsturzversuchs im Gro\u00dfen und Ganzen faktengetreu widergegeben, Motivation und moralisches Dilemma der beteiligten Verschw\u00f6rer bleiben aber seltsam diffus. Der Gewissenskonflikt vieler aufst\u00e4ndischen Offiziere, das Zerrissensein zwischen der Erkenntnis, einem verbrecherischen System zu dienen und der \u00dcberzeugung, an traditionellen Werten, wie Eidgebundenheit, Treue- und Gehorsamspflicht, festhalten zu m\u00fcssen, bleibt vielmehr weitestgehend im Dunkeln. Dass diese geschickte Entsch\u00e4rfung der Widerstandsthematik dem Film nicht zum Erfolg verhelfen konnte, zeigt deutlich wie umstritten die M\u00e4nner des 20. Juli auch noch Mitte der 50er Jahre waren.<br \/>\n<strong><br \/>\n(6\/10 Punkten) <\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWiderstand im Widerstreit&#8220; Anders als heute war der Widerstand gegen das NS-Regime unter der bundesdeutschen Bev\u00f6lkerung der 1950er Jahre durchaus umstritten. 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