{"id":277,"date":"2018-03-23T17:38:39","date_gmt":"2018-03-23T17:38:39","guid":{"rendered":"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=277"},"modified":"2018-03-23T18:48:18","modified_gmt":"2018-03-23T18:48:18","slug":"die-verlegerin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vodkasreviews.de\/?p=277","title":{"rendered":"Die Verlegerin (2017)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Schlagzeile Baukastenprinzip<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Modulares Arbeiten ist bei Spielfilmen nat\u00fcrlich ein weit verbreitetes Ph\u00e4nomen. Vor allem im Genrekino geh\u00f6rt das Baukastenprinzip gewisserma\u00dfen zur Grundausstattung. Man nehme eine Handvoll standartisierter Bausteine, f\u00fcge sie auf m\u00f6glichst pfiffige Art zusammen und fertig ist das brandneue Flie\u00dfbandprodukt. Gesellschfatskritische Politthriller standen bisher nicht unter Generalverdacht, sich hier einzureihen. Regieschwergewicht Steven Spielberg belehrt uns da aktuell allerdings gerade eines Besseren, was irgendwie auch wieder stimmig ist, schlie\u00dflich hat er sich seit seiner Erwachsenwerdung mit \u201eSchindlers Liste\u201c mehr und mehr der Anklage und Offenlegung und immer weniger der schn\u00f6den \u00dcberw\u00e4ltigung und Unterhaltung verschrieben. Mit \u201eThe Post\u201c (hierzulande unter \u201eDie Verlegerin\u201c in den Kinos) h\u00e4lt er uns Freunden des gepflegten Politainment forsch den Spiegel vor und entlarvt eine unserer liebsten Filmgattungen als Lechtturm des Baukastensystem: den Presse-Thriller, auch bekannt als das celluloide Hohelied des investigativen Journalismus.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"irc_mi alignleft\" src=\"https:\/\/www.berli-huerth.de\/images\/Die_Verlegerin.jpg\" alt=\"Bildergebnis f\u00fcr verlegerin film\" width=\"254\" height=\"359\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da werden wei\u00dfe Hemds\u00e4rmel hoch gekrempelt, hitzige Meetings abgehalten, Telefonscheiben hei\u00df gew\u00e4hlt, ganze Zigarettenstangen verqualmt, geheime Quellen in sch\u00e4bigen Motels getroffen, auf den allerletzten Dr\u00fccker die Druckerpressen angeworfen und in den fr\u00fchen Morgenstunden die frischen Zeitungsb\u00fcndel aus fahrenden Trucks auf die menschenleeren, regennassen Stra\u00dfen geschmissen. Die Mienen sind ernst, die Witze sarkastisch, die Informanten ver\u00e4ngstigt und die Politiker schmierig. Der Kampf um die Pressefreiheit bekommt apokalyptische Dimensionen, das politische Establishment gleicht dem Fegefeuer. Hier Ehrlichkeit, Aufrichtkeit und selbstloser Einsatz bis hin zur totalen Opferbereitshaft. Dort Verlogenheit, Niedertracht und eiskalter Karrierismus. Am Ende obsiegt das Gute, aber es war hauchd\u00fcnn und stetige Wachsamkeit bleibt oberstes Gebot.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spielberg spielt mit all diesen Komponenten und ein Profi wie er verhebt sich auch nicht an ihnen. Dennoch \u00e4chzt sein souver\u00e4n erbautes Geb\u00e4ude unter der schieren Menge an verbautem Material, zumal es durch die zahllosen standardisierten Elemente nicht gerade modern und schon gar nicht progressiv wirkt. \u201eThe Post\u201c ist wie das Musterhaus einer auf Altbew\u00e4hrtes setzenden Reihenhaussiedlung. Solide, kompetent, aber ohne eigene Note, ohne Vision und ohne Raffinesse. St\u00e4ndig wartet man auf Robert Redford und Dustin Hoffmann (\u201eDie Unbestechlichen\u201c) und auch \u201eDie drei Tage des Condor\u201c, \u201eDie Akte\u201c, \u201eZodiac\u201c, \u201eState of Play\u201c sowie \u201eSpotlight\u201c scheinen leuchtende Vorbilder gewesen zu sein. Dabei b\u00f6te die gew\u00e4hlte Thematik eine Reihe interessanter M\u00f6glichkeiten der Sezierung, Vertiefung und Kommentierung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Narratives Herzst\u00fcck ist die Ver\u00f6ffentlichung der streng geheimen \u201ePentagon Papers\u201c &#8211; eine Regierungsstudie zu den Hinterg\u00fcnden und politischen Erkenntnissen bez\u00fcglich Sinn und Zweck des Vietnam-Krieges &#8211; mit denen die Washington Post anno 1971 nicht nur die eigene Reputation enorm aufwertete, sondern auch ganz allgemein einen gloriosen Sieg f\u00fcr den Wert eines unabh\u00e4ngigen Journalismus feierte. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten \u00fcber Fake News, L\u00fcgenpresse und Staatsmedien ein brisantes Eisen, das Spielberg aber bestenfalls zum Glimmen bringt. Der besondere Zeitgeist der beginnenden 1970er Jahre wird durch eine besonders akkurate Ausstattung und eine Handvoll als Hippies verkleideter Statisten lediglich visualisiert, Denken, F\u00fchlen und Handeln der Protagonisten k\u00f6nnten dagegen auch genauso 2018 ablaufen.<\/p>\n<p>Ein viel zu langer Epilog, der das F\u00fchrungspersonal der Washington Post arg beh\u00e4big vorstellt und ihre eher gl\u00fcckliche Hauptrolle im Kampf gegen die vertuschungsw\u00fctige Nixon-Administration (die New York Times war schneller gewesen, aber wurde gerichtlich zun\u00e4chst ausgebremst) mit erstaunlicher Spannungsarmut erz\u00e4hlt, gefolgt von einem zu gestrafft wirkendem Hauptteil erzeugt \u00fcber weite Strecken ein Gef\u00fchl der dramaturgischen Leere. Der Film pl\u00e4tschert \u00fcber weite Strecken h\u00f6hepunktlos vor sich hin und lebt lediglich von der Pr\u00e4senz einer Vielzahl hochkar\u00e4tiger Mimen. Mery Streep als langsam an Profil gewinnende Verlegerin der Post (Katharine \u201eKay\u201c Graham), Tom Hanks als ihr ehrgeiziger Chefredakteur Ben Bradlee und Bob Odenkirk (\u201eBetter Call Saul\u201c) als investigativer Journalist bilden ein starkes Trio, das von so mancher erz\u00e4hlerischer Flaute ablenkt. Rein menschlich bleiben aber auch sie recht blass und funktionieren mehr als Chiffren ihrer Berufsfelder. Dass Meryl Streep f\u00fcr diesen Standartauftriit zum 21. Mal f\u00fcr den Oscar nominiert wurde, verbl\u00fcfft dann doch einigerma\u00dfen und ist wohl eher der Tatsache geschuldet, dass sie hier ein fr\u00fches Vorbild f\u00fcr Frauen in F\u00fchrungspositionen verk\u00f6rpert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schade auch, dass Spielberg sich so zentral der Reporterseite widmet und die Gegenseite lediglich durch ein paar Kurzauftritte Robert McNamaras (Politiker-Profi Bruce Greenwood famos wie eh und je) und eines als diabolische Silhouette inszenierten Richard Nixon abgespeist wird. Schade, weil Spielberg kaum etwas mit den Journalisten anzufangen wei\u00df und schade, weil er das spannungsf\u00f6rdernde Potential ihrer Gegner verpuffen l\u00e4sst. Der historische Thriller, der der Streit um die Ver\u00f6fffentlichung vermeintlicher Staatsgeheimnisse und politischer L\u00fcgen hinsichtlich des Vietnam-Krieges damals definitiv war, verkommt dabei zum betulichen Sofa-Krimi mit bekanntem Happy End. Wie man M\u00e4nner in Anz\u00fcgen, die im Prinzip den ganzen Film \u00fcber nichts anderes tun als um moralische und die Bev\u00f6lkerung betreffende Grundsatzfragen zu streiten, so inszeniert, dass dabei ein packendes Drama entsteht, hat Roger Donaldson mit seinem Kubakrise-Thriller \u201eThirteen Days\u201c gezeigt. Spielberg dagegen ordnet alles dem Prinzip der Modularit\u00e4t unter und liefert folgerichtig nur Konfektionsware. Man darf getrost annehmen, dass es Spielberg mit \u201eThe Post\u201c absolut ernst war, Ironie war ja noch nie so recht seine Sache gewesen. Die Ironie wiederum ist allerdings, dass \u201eThe Post\u201c als s\u00fcffisanter Beitrag zur Formelhaftigkeit des Journalismus-Thrillers weitaus besser funktioniert, wie als das offenkundig anvisierte historische Spannungskino.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: comic sans ms,sans-serif;\">Rating (6 \/ 10)<\/span><\/p>\n<p>______________________________________________________<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">(Bildmaterial: \u00a9Universal Studios 2018)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schlagzeile Baukastenprinzip Modulares Arbeiten ist bei Spielfilmen nat\u00fcrlich ein weit verbreitetes Ph\u00e4nomen. Vor allem im Genrekino geh\u00f6rt das Baukastenprinzip gewisserma\u00dfen zur Grundausstattung. 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