{"id":271,"date":"2018-03-21T16:29:05","date_gmt":"2018-03-21T16:29:05","guid":{"rendered":"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=271"},"modified":"2018-03-21T16:30:40","modified_gmt":"2018-03-21T16:30:40","slug":"ein-mann-sieht-rot-1974","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vodkasreviews.de\/?p=271","title":{"rendered":"Ein Mann sieht rot (1974)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b>Blaupause in rot: Selbst ist der Gerechte!<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin Mann sieht rot&#8220; &#8211; was f\u00fcr ein Titel. Und wie treffend. \u00dcber Figur und Film ist damit praktisch alles gesagt. Er verheisst nichts gutes, er steht f\u00fcr Aggression, aber auch f\u00fcr Verzweiflung. Wie lahm und schwammig klingt dabei \u201eTodessehnsucht&#8220;, wie man das Original \u201eDeath Wish&#8220; \u00fcbersetzen w\u00fcrde. Manchmal lohnt es also doch, die M\u00f6glichkeit zur Titel\u00e4nderung zu nutzen. In diesem Fall ist die Neusch\u00f6pfung gar zu einem gefl\u00fcgelten Wort bzw. Ausspruch geworden. Das \u201erot sehen&#8220; gab es nat\u00fcrlich schon vorher, aber in Verbindung mit \u201eMann&#8220; steht es seither vor allem im Actionkino f\u00fcr den gnadenlosen R\u00e4cher, eine meist schie\u00dfw\u00fctige Fusion von Richter und Henker. Nicht schlecht f\u00fcr einen Film, den seinerzeit viele Studios wegen seiner kontroversen Thematik gar nicht machen wollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu jenem nachhallenden Ruf hat allerdings weniger der Erfolg des Films beigetragen, als vielmehr seine vier Sequels, die sich einigerma\u00dfen deutlich vom ernst gemeinten Ansatz des Originals entfernten. Denn das besa\u00df durchaus gesellschaftskritischen Sprengstoff und ist keinesfalls der tumbe Selbstjustiz-Rei\u00dfer, als der er gern abgestempelt wird. Zynismus und eine zwiesp\u00e4ltige Botschaft wurden ihm aber auch 1974 schon unterstellt. Ein wenig mehr hat er dann allerdings doch zu bieten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Charles Bronson spielt den Titelhelden und das war ein Besetzungscoup. Seit seinen Western-Tagen galt er als m\u00fcrrischer Einzelg\u00e4nger mit Herz. Ein Mann der Tat und m\u00f6glichst weniger Worte. Ein knallharter Hund, ja, aber an einen fast archaischen Ehrenkodex glaubend, der selbst seinen Verbrecherfiguren immer etwas Smpathisches und Vertrauensw\u00fcrdiges mit gab. Er flippte nie aus, war immer die Ruhe selbst und schlug nur zu, wenn es unumg\u00e4nglich schien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihm nimmt man auch den erfolgreichen New Yorker Achitekten Paul Kersey ab. Ein gut situierter B\u00fcrger, der mit Gewalt und Brutalit\u00e4t nichts im Sinn hat. Bis seine Frau und Tochter Opfer eines brutalen Raub\u00fcberfalls werden, bei dem beide vergewaltigt und halb tot gepr\u00fcgelt werden. W\u00e4hrend erstere noch am Tatort stirbt, f\u00e4llt letztere ins Koma und als sie erwacht, ist sie so schwer traumatisiert, dass am Ende nur ein Pflegeheim bleibt. Der schwer getroffene Kersey glaubt derweil an Recht und Gesetz, aber die M\u00f6rder sind unauffindbar. Die Arbeit lenkt ihn ab, aber Trauer und Verzweiflung k\u00f6nnen sie nur unterdr\u00fccken. Als der Fall langsam aber sicher zu den Akten gelegt wird, weicht die Ohnmacht langsam der Wut. Auf seinen ziellosen Streifz\u00fcgen durch das n\u00e4chtliche New York, wird er immer wieder Zeuge von Straftaten. Als er eines Nachts selbst zur Waffe greift &#8211; ein Gesch\u00e4ftspartner hatte sie ihm f\u00fcr seine Unterst\u00fctzung geschenkt &#8211; um sich zu verteidigen, ist das wie ein Weckruf und ein Aufbruchssignal. Fortan s\u00e4ubert er Nacht f\u00fcr Nacht die Stra\u00dfen und wird bald von der \u00d6ffentlichkeit als R\u00e4cher-Held gefeiert. Die Polizei steckt in der Zwickm\u00fchle. Der Unbekannte sorgt f\u00fcr eine deutliche Entspannung in der vom Verbrechen geknechteten Metropole, aber ist dabei nat\u00fcrlich ein gnadenloser Killer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drei Jahre vor Bronson hatte bereits ein anderer ehemaliger Leone-Held die Stra\u00dfen einer amerikanischen Gro\u00dfstadt ges\u00e4ubert. Clint Eastwood w\u00fctete als Vigilanten-Cop \u201eDirty Harry&#8220; in San Francisco und die Reaktionen waren ganz \u00e4hnlich ausgefallen. Es hagelte Kritik vornehmlich aus dem linksliberalen Lager, w\u00e4hrend die erzkonservative Gegenseite das r\u00fcde polizeiliche Vorgehen begr\u00fc\u00dfte. Ein klares Fanal f\u00fcr Selbstjustiz ist \u201eDirty Harry&#8220; aber sicher nicht, daf\u00fcr waren Don Siegel und Clint Eastwood zu klug und es entsprach auch nicht ihren Ansichten. Harry ist ein ambivalenter Charakter und sein Tun erscheint durchg\u00e4ngig fragw\u00fcrdig.<br \/>\n\u201eDeath Wish&#8220; geht hier erkennbar einen Shritt weiter. Kersey ist Privatmann und kein Gesetzesvertreter, zudem macht er gezielt Jagd auf Verbrecher mit dem Ziel sie zu t\u00f6ten. Durch sein pers\u00f6nliches Schicksal und seinen zun\u00e4chst freundlichen Charakter ist er dem Zuschauer deutlich n\u00e4her als Eastwoods viel unzug\u00e4nglicher angelegter Polizist. Vor allem aber ist die Kontroverse um das eigenm\u00e4chtige Handeln der R\u00e4cherfigur &#8211; zumal Kersey viel brutaler vorgeht &#8211; weniger zentral wie in \u201eDirty Harry&#8220;. \u201eDeath Wish&#8220; ist der manipulativere Film zum Thema, dennoch liefert auch er noch gen\u00fcgend Denkans\u00e4tze, die ihn von seinen Fortsetzungen abgrenzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da w\u00e4re das Feiern Kerseys in einigen Medien und bei vielen B\u00fcrgern New Yorks. Die Sehnsucht nach einfachen L\u00f6sungen und unmittelbarer Gerechtigkeit (die Justiz und Strafvollzug in den Augen vieler oft nicht bietet) bekommt gerade durch die gezeigte Euphorie und die damit einhergehende Eigendynamik der Glorifizierung von Selbstjustiz einen zwielichtigen Anstrich. Regisseur Michael Winner verzichtet hier g\u00e4nzlich auf Wertungen, so dass man sich permanent selbst fragt, wie man dazu stehen w\u00fcrde. Auch das Dilemma der Ordnungsh\u00fcter kommt, wenn auch auf die Spitze getrieben, in kontroverser Weise aufs Tablett. Das NYPD will den M\u00f6rder Kersey fassen, aber keinen Vigilanten-M\u00e4rtyrer aus ihm machen. Dass man ihn deshalb am Ende sogar laufen l\u00e4sst, hat dem Film sehr viel Kritik eingetragen im Hinblick auf eine Rechtfertigung seiner Taten und eines antiheldischen Happy Ends. Letzteres kann man noch unterstellen, aber mit ersterem verh\u00e4lt es sich mindestens diskutabler. Es ist nicht v\u00f6llig abwegig, dass hinter den Kulissen der beh\u00f6rdlichen Macht eine solch Grenzen \u00fcberschreitende Entscheidung getroffen wird. Ein eiskaltes Abw\u00e4gen zwischen Kosten und Nutzen, bei dem Moral kaum eine Rolle mehr spielt und Recht wie Gesetz noch weit weniger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Winner findet f\u00fcr das d\u00fcstere Szenario entsprechend triste Bilder, die von Herbie Hancocks sparsamem aber eindringlichem Jazz-Score stimmungsvoll untermalt werden. Alles an \u201eDeath Wish&#8220; wirkt unaufgeregt, nihilistisch, fast m\u00fcde. Um so deutlicher heben sich als Kontrast die Szenen auf Hawaii und in Arizona ab. Zu Beginn verbringen Kersey und seine Frau noch einen Badeurlaub unter Palmen. \u00c4hnlich sonnig und hell wird es nur noch bei seinem Auftrag in Arizona, bei dem er die sp\u00e4ter so wichtige Waffe als Geschenk erh\u00e4lt. Beides steht f\u00fcr Kerseys wenige positive Momente, den liebenden Ehemann und den vermeintlichen Ausweg aus Trauer und Ohnmacht. Hier arbeitet Winner dann doch mit Suggestion, genauso wie bei der Inszenierung des Raubmordes, der vor allem f\u00fcr die 1970er Jahre in einer f\u00fcr das Mainstreamkino un\u00fcblichen Drastik und Schonungslosigkeit gefilmt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDeath Wish&#8220; ist also auch ein rei\u00dferischer Rache-Thriller mit reaktion\u00e4rem Unterton. Seine besonderen Qualit\u00e4ten liegen darin, dass er diese harte Schale immer wieder aufbricht und Raum f\u00fcr kritisches Reflektieren schafft. Hinter Kerseys Taten bleibt immer ein moralisches Fragezeichen, trotz einer eher rechtfertigenden Tendenz. Bronsons Darstellung verst\u00e4rkt diesen Effekt, denn er tritt nicht als cooler Actionheld, sondern als gebrochener Racheengel auf (Winner wei\u00df ganz genau, wie er Bronsons St\u00e4rken am besten nutzt, \u201eDeath Wish&#8220; war ihr vierter gemeinsamer Film binnen zwei Jahren). Die Morde passieren in dunklen Hinterh\u00f6fen und verlassenen Wohnruinen. Sie werden weder zelebriert, noch ausgewalzt und sind letzlich so trist wie Hauptfigur und Atmosph\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst die Fortsetzung und noch mehr die drei weiteren Sequels machten Kersey dann zur eiskalten Killermaschine f\u00fcr die er v.a. allem in B-Action-Kreisen Kultstatus erlangen sollte. Dass dies unter dem urpr\u00fcnglich vorgesehenen Regisseur Sidney Lumet und Star Jack Lemmon ebenfalls gelungen w\u00e4re, scheint kaum vorstellbar. Michael Winner war immerhin noch f\u00fcr die Teile 2 und 3 verantwortlich und verabschiedete sich damit genauso wie sein Hauptdarsteller vom gesellschaftskritischen Unterbau des Originals. Immerhin haben sie damit einen Subgenre-Archetypen geschaffen, den inzwischen wiederum Darsteller wie Liam Neeson oder Denzel Washington endg\u00fcltig vom B-Movie-Mief befreit haben (Eli Roths so \u00fcberfl\u00fcssiges wie konturloses <a href=\"https:\/\/ssl.ofdb.de\/review\/298208,742987,Death-Wish\">2018er-Remake<\/a> kann man dahingehend allerdings trotz Bruce Willis wieder als R\u00fcckschritt sehen). Charles Bronson jedenfalls war sp\u00e4testens mit &#8222;Deat Wish 2&#8243; auf den vigilanten Einzelg\u00e4nger abboniert. Auch wenn er nicht immer gleich \u201erot sah&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Blaupause in rot: Selbst ist der Gerechte! \u201eEin Mann sieht rot&#8220; &#8211; was f\u00fcr ein Titel. 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