{"id":171,"date":"2017-12-19T17:41:45","date_gmt":"2017-12-19T17:41:45","guid":{"rendered":"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=171"},"modified":"2017-12-19T17:53:34","modified_gmt":"2017-12-19T17:53:34","slug":"171","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vodkasreviews.de\/?p=171","title":{"rendered":"Star Wars VIII &#8211; Die letzten Jedi (2017)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 18pt;\"><strong>Ein Fan sieht rot! &#8211; Star Wars Noir<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rot ist die Farbe der Liebe, der Leidenschaft, der Energie, aber auch der Impulsivit\u00e4t, Aggression und Wut. Beim neuen, inzwischen achten Teil der Star Wars-Saga dominierte sie nicht nur Teaser- und Hauptposter, auch im fertigen Film ist sie optisch der sprichw\u00f6rtliche rote Faden. Kombiniert mit einem mehr auf Charaktertiefe und Emotion setzenden Skript entsteht ein Sog, der auch den Franchise-Unkundigen zunehmend packt. Man muss weit zur\u00fcck gehen im Star Wars-Universum, um eine \u00e4hnlich durchkomponierte Symbiose zwischen formaler und inhaltlicher Geschlossenheit zu finden. Genau genommen 37 Jahre, als das b\u00f6se galaktische Imperium gnadenlos zur\u00fcck schlug und die strahlenden Helden aus \u201eKrieg der Sterne\u201c beinahe vollst\u00e4ndig aufrieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Parallelen sind offenkundig und sicher auch ein St\u00fcck weit gewollt. Schlie\u00dflich hatte es schon beim Vorg\u00e4nger \u201eThe Force Awakens\u201c (2015) bestens funktioniert, Dramaturgie und Plotelemente des Urfilms zu kopieren. Wie gro\u00df muss da erst die Versuchung gewesen sein, sich beim Herzst\u00fcck der ersten Trilogie zu bedienen, gilt doch \u201eThe Empire strikes back\u201c (1980) v.a. unter Hardcore-Fans als der ultimative Star Wars-Film. Erst durch ihn wurde die Saga zu dem mythisch aufgeladenen und beinahe sakral verehrten Ph\u00e4nomen, als das sie heute gilt. War der erste Film noch eine recht beschwingte Angelegenheit, ein zumeist leichtes Abenteuer-Crossover aus Science Fiction, Fantasy und Kriegsfilm, mischte das Sequel eine geh\u00f6rige Portion, Mystik, Drama und D\u00fcsternis unter. Der Ton wurde ernster, die Gef\u00fchle tiefer und die Figuren vielschichtiger. \u201eThe Last Jedi\u201c positioniert sich also auf ganz \u00e4hnliche Weise gegen\u00fcber seinem \u201eOriginal\u201c, dass dabei dennoch keine uninspirierte \u201eEmpire-Kopie\u201c heraus kam, ist in erster Linie das Verdienst eines Mannes. Sein Name: Rian Johnson.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie es eine \u00e4u\u00dferst kluge Wahl war, den popkulturellen Nerd und Wiederbelebungsk\u00fcnstler J.J. Abrams den von vielen Fans schon nicht mehr f\u00fcr m\u00f6glichen gehaltenen Anschluss an die hei\u00df geliebte Ur-Trilogie herstellen zu lassen, so war es ein Geniestreich ihn bei der Fortsetzung durch Johnson zu ersetzen. Abrams hatte den Weg bereitet und das in den Prequels verloren gegangene, magische Star Wars-Feeling mit einer rasanten Retro-Sause neu entfacht. Das w\u00fcrde in der Form nat\u00fcrlich kein zweites Mal funktionieren, also musste ein neuer Mann f\u00fcr eine neue Aufgabe her. Rian Johnson ist wie Abrams ein gl\u00fchender Star Wars-Fan, v.a. der Urtrilogie. Anders als Abrams ist er aber auch ein feinsinniger Charakterzeichner mit Hang zur D\u00fcsternis. In seinem Deb\u00fct \u201eBrick\u201c und bei diversen \u201eBreaking Bad\u201c-Folgen hat Johnson eben dieses Talent sowie seine Affinit\u00e4t zum Neo-Noir-Stil eindrucksvoll bewiesen. Gerade f\u00fcr den so wichtigen Mittelteil, das Herzst\u00fcck, ist er damit wie geschaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Akt ist auch im klassischen Drama der reichhaltigste und komplexeste. Hier werden Handlungsf\u00e4den verkn\u00fcpft und Entwicklungen in bestimmte Bahnen gelenkt. Hier werden Intrigen gesponnen, Konflikte spitzen sich zu und der oder die Helden stehen vor der entscheidenden Auseinandersetzung. Rian Johnson, der nicht nur die Regie von \u201eThe Last Jedi\u201c \u00fcbernahm, sondern gleich auch das Drehbuch schrieb, scheint dieses theoretische Grundger\u00fcst sehr genau zu kennen, denn sein Film folgt dieser Ein- und Aufteilung verbl\u00fcffend exakt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem der Widerstand die Superwaffe der Ersten Ordnung hat zerst\u00f6ren k\u00f6nnen, ist deren Kampfgeist er so richtig erwacht. Mit M\u00fche k\u00f6nnen die Widerst\u00e4ndler ihre Basis evakuieren und sind von da an auf der Flucht. Der oberste Anf\u00fchrer Snoke hetzt seine rivalisierenden Kettenhunde, den ambitionierten Flottengeneral Hux (Domhnall Gleeson) sowie seinen gelehrigen Sch\u00fcler Kylo Ren (Adam Driver), auf die von General Leia Organa (Carrie Fisher) befehligten Reste der Aufst\u00e4ndischen.<br \/>\nDoch die Bedrohung kommt nicht nur von au\u00dfen. Fliegerass Poe Dameron (Oscar Isaac) reibt sich in Kompetenzrangeleien auf, Ex-Stormtrooper Finn (John Boyega) handelt eigenm\u00e4chtig und Rey (Daisy Ridley) versucht verzweifelt, den endlich gefundenen, aber davon wenig begeisterten Luke Skywalker (Mark Hamill) f\u00fcr den Widerstand zu gewinnen. Parallel dazu versucht Kylo Ren die beiden aufzusp\u00fcren um seinen alten Lehrer endg\u00fcltig zu vernichten und Rey zur dunklen Seite der Macht zu bekehren. Und die Schlinge um die neue Rebellion scheint sich langsam, aber unaufhaltsam zuzuziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verfolgung, Evakuierung, Flucht, Vertreibung, Manipulation, Bedr\u00e4ngnis, Gefangennahme, Verlust und drohende Niederlage, \u201eThe Last Jedi\u201c gleicht in seiner dramaturgischen Anordnung \u201eThe Empire strikes back\u201c wie ein Tie Fighter dem anderen. Das Gute (Widerstand) scheint vor der milit\u00e4rischen \u00dcberlegenheit des B\u00f6sen (Erste Ordnung)einzuknicken. Der finstere Anf\u00fchrer (Snoke) und sein erster Scherge (Kylo Ren) scheinen immer einen Schritt voraus. Die Helden (Finn und Poe) k\u00f6nnen sich lediglich mit Ausdauer und Pfiffigkeit einigerma\u00dfen \u00fcber Wasser halten. Der vermeintliche Retter (Luke) zeigt wenig Interesse an der Rettung und die neue Hoffnung ist noch nicht so weit (Rey). Selbst die zentralen Setpieces von \u201eEmpire\u201c &#8211; Eisplanet Hoth, Yodas Exilm auf Dagobah und die schillernde Wolkenstadt von Bespin &#8211; erhalten in \u201eJedi\u201c ihr Pendant.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dennoch &#8211; und das mag jetzt \u00fcberraschen &#8211; hat Johnson weit weniger ein blo\u00dfes Remake gedreht wie vor ihm Abrams. \u201eThe Last Jedi\u201c verneigt sich vor \u201eThe Empire strikes back\u201c, er zollt dem Star Wars-Filetst\u00fcck seinen tief empfundenen Respekt, man kann ihn als liebevolle Hommage dekodieren, aber er ist noch so viel mehr. Johnson spielt geschickt mit den Erwartungshaltungen und Hoffnungen der Fans, nur um dann ganz andere Antworten zu geben bzw. neue Fragen aufzuwerfen. Insbesondere das Schlussdrittel wartet mit einer F\u00fclle an Twists und Kniffen auf, die \u201eThe last Jedi\u201c vom offensichtlichen Vorbild abgrenzen. F\u00fcr J.J. Abrams &#8211; der ja f\u00fcr das Finale wieder auf dem Regiestuhl sitzen wird &#8211; bedeutet dies, dass er keineswegs einfach \u201eThe Return of the Jedi\u201c durchpausen kann. Diesmal ist der innovative und findige Abrams gefragt, man wird sehen, ob er dieser Aufgabe gewachsen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rian Johnson findet zudem eine deutlich pr\u00e4gnantere Bildsprache als sein immer ein wenig in seinen TV-Wurzeln gefangener Vorg\u00e4nger. Die Raumschlachten sind druckvoller, wuchtiger, epischer. Die Welten sind panoramaartiger und dennoch realer. In den Interieurs gibt es mehr Details zu entdecken, was sie lebensechter macht. Seinen Darstellern gibt er mehr Raum und vor allem mehr Zeit, sich zu entfalten. Alles wirkt weniger gehetzt und ist dennoch mehr auf den Punkt inszeniert.<br \/>\nDazu versteckt Fanboy Johnson eine F\u00fclle von kleinen und gr\u00f6\u00dferen Reminiszenzen an die Episoden IV-VI. C3POs Chancenkalkulation und Chewbaccas Fre\u00dftrieb sind dabei nur die offenkundigsten. Johnson spielt auch mit visuellen Gimmicks und nicht zuletzt auditiven R\u00fcckblenden. Filmkomponist John Williams legt dabei eine Reihe seiner \u201eEmpire\u201c-Themen wieder auf und verkn\u00fcpft sie ungemein stimmig mit neuen Melodien. Wie der Film ist auch sein Score der beste seit Epiosde V.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist schon angeklungen, dass Johnson auch dem schauspielenden Personal mehr Aufmerksamkeit schenkte. Besonders profitieren davon Adam Driver und Mark Hamill. Kylo Ren war in \u201eForce Awakens\u201c mehr ein ungezogenes J\u00fcngelchen, dem man weder die innere Zerrissenheit, noch seine dunklen Machtk\u00fcnste so recht abnahm. Unter Johnsons \u00c4gide wird er endlich zu einem starken Antagonisten, der neben dem \u00fcberm\u00e4chtigen Darth Vader nicht gleich untergeht.<br \/>\nMark Hamill hatte ganz andere Probleme. Als idealistischer Held wirkte er neben dem cooleren und ambivalenteren Han Solo immer ein wenig brav. Anders als Harrison Ford, der eine Weltkarriere startete, konnte er sich auch nie von der Skywalker-Rolle l\u00f6sen und verschwand schnell in der Versenkung. In \u201eThe Last Jedi\u201c kann er nun endlich zeigen, dass er mehr zu bieten hat als den edlen Ritter mit Laserschwert. So wie \u201eForce Awakens\u201c von Fords Pr\u00e4senz lebt, ist \u201eLast Jedi\u201c in erster Linie Mark Hamills Film. Der in die Jahre gekommene Jedi-Ritter ist ein sehr viel spannenderer Charakter wie sein j\u00fcngeres Ich. Er ist weiser, abgekl\u00e4rter, aber auch unberechenbarer und undurchsichtiger. Hamill hat sichtlich Freude an dem komplexeren Luke und liefert seine st\u00e4rkste Star Wars-Vorstellung. Dieses Mehr an Dramatik und charakterlichen Untiefen ist gewisserma\u00dfen der Kitt, der Johnsons Konzept zusammen h\u00e4lt und vor allem erst m\u00f6glich macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann immer wieder \u201eRot\u201c. Wenn Snoke in seinem Thronsaal vor einer tiefroten Wand, umgeben von ganz in rot gekleideten Samurai-\u00e4hnlichen Palastwachen zur Audienz l\u00e4dt, dann sind Gefahr, Bedrohung und Aggression allgegenw\u00e4rtig. In der finalen Schlacht schlie\u00dflich rasen die J\u00e4ger des Widerstands feindlichen Kampfl\u00e4ufern \u00fcber eine schneewei\u00dfe W\u00fcste entgegen. Bei jeder Bodenber\u00fchrung rei\u00dfen sie den Boden des Salzplaneten auf und ziehen eine blutrote, font\u00e4nenartige Gischt hinter sich her. Leidenschaft, Energie und Opferbereitschaft werden durch diesen visuellen Kniff noch einmal wesentlich intensiver.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\nDer vermeintliche Tabubruch auf s\u00e4mtlichen Kinoplakaten, auf denen das traditionelle Gelb des ikonischen Star Wars-Logos durch ein tiefes Rot ersetzt wurde, erf\u00e4hrt hier nicht nur seine nachtr\u00e4gliche Rehabilitierung, sondern ist quasi das schl\u00fcssige I-T\u00fcpfelchen auf Johnsons konzeptioneller Strategie. Die mag das Star Wars-Universum vielleicht nicht neu erfunden haben, aber sie hat definitiv neue Wege aus der von J.J. Abrams gelegten Retro-Falle gefunden und dabei das so spezielle Star Wars-Feeling der Ur-Trilogie sogar noch st\u00e4rker entfacht wie J.J. Abrams. Frei nach dem Credo eines alten Meisters: \u201eNein, nicht versuchen. Es gibt kein Versuchen, tu es, oder tue es nicht. Es gibt kein Versuchen.\u201c Rian Johnson hat es getan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Fan sieht rot! &#8211; Star Wars Noir Rot ist die Farbe der Liebe, der Leidenschaft, der Energie, aber auch der Impulsivit\u00e4t, Aggression und Wut. 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