{"id":126,"date":"2017-12-03T19:54:27","date_gmt":"2017-12-03T19:54:27","guid":{"rendered":"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=126"},"modified":"2018-01-23T19:20:36","modified_gmt":"2018-01-23T19:20:36","slug":"depeche-mode-in-stuttgart-eine-schwarze-messe-der-glueckseligkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vodkasreviews.de\/?p=126","title":{"rendered":"Depeche Mode in Stuttgart &#8211; eine schwarze Messe der Gl\u00fcckseligkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Konzertkritik: Depeche Mode in der Hans-Martin-Schleyerhalle am 28.11.17<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen ist es kalt, dunkel und nass. Also tr\u00fcbe und trist. B\u00f6se Zungen w\u00fcrden sagen, typisches Depeche Mode-Wetter halt, passend zum d\u00fcsteren, schwerm\u00fctigen Sound. Wie Recht sie haben, aber anders als gedacht. W\u00e4ren sie nur einmal Teil eines Mode-Festakts gewesen, w\u00e4ren sie f\u00fcr alle Zeiten von dieser Missinterpretation kuriert. Am Dienstag in der Stuttgarter Schleyerhalle war wieder eine solche Gelegenheit. Gl\u00fcckliche, erwartungsvolle und frohgemute Gesichter schon beim Anstehen im schw\u00e4bischen Nieselregen. Im auff\u00e4lligen Kontrast zum vorherrschenden schwarzen Dresscode war an allen Ecken und Enden eine euphorisierte Vorfreude zu sp\u00fcren, die schon einen recht deutlichen Hinweis auf die ganz spezielle Aura dieser Band gibt. Nicht umsonst spricht man hier auch nicht von Fans, sondern von \u201eDevotees\u201c, also hingebungsvoll Ergebenen. Hier wird kein Konzert gegeben, hier wird eine Messe abgehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die beginnt p\u00fcnktlich um 20.45 Uhr. Anstatt Glockengel\u00e4ut gibt es \u201eRevolution\u201c von den Beatles. Das passt nat\u00fcrlich zum politischen Kontext des neuen Albums und Tour-Namensgebers \u201eSpirit\u201c, aber zeugt auch vom neuem Selbstbewusstsein einer Band, der lange Zeit ihr enormer Erfolg eher ein wenig peinlich, mindestens aber suspekt war. L\u00e4ngst nehmen Songschreiber Martin Gore und Frontmann Dave Gahan journalistische Vergleichsfragen hinsichtlich Jagger\/Richards oder eben Lennon\/McCartney absolut ernst, nicht nur weil die immer h\u00e4ufiger gestellt werden, sondern weil sie sich ihrer musikhistorischen Bedeutung inzwischen durchaus bewusst sind. Das lange Zeit ein wenig linkische Understatement und Unbehagen ist inzwischen einer gel\u00f6sten Souver\u00e4nit\u00e4t gewichen, die v.a. auch bei den Live-Konzerten sp\u00fcrbar wird. Beim Auftritt in Stuttgart konnte man dies wieder wunderbar beobachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Dave Gahan zu den charismatischsten Frontm\u00e4nnern im Musikzirkus z\u00e4hlt, ist schon ein wenig l\u00e4nger bekannt. Die Band wei\u00df das, nicht umsonst kommt er stets als letzter auf die B\u00fchne und badet noch in stehenden Ovationen, wenn seine Kollegen schon wieder verschwunden sind. Neuerdings gibt er aber nicht einfach \u201enur\u201c den infernalischen Anheizer, Vort\u00e4nzer, Klatsch- und Mitsing-Animateur, sondern verspr\u00fcht eine ansteckende gute Laune durch h\u00e4ufiges Shakern, Scherzen und breitestes Grinsen. \u00c4hnlich aufgetaut agiert auch sein unverzichtbares Gegenst\u00fcck Martin Gore. Die Zeiten als er zwei Stunden mit ernster Miene hinter einem Keyboard seine Arbeit verrichtete sind vorbei. L\u00e4ngst steht er mit Gahan gemeinsam in vorderster Reihe, meist an der Gitarre und spielt sich mit ihm die Gute-Laune-B\u00e4lle zu. So viel zum angeblichen Schwermut-Charakter eines Mode-Auftritts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem stimmungsvollen Auftakt mit dem b\u00e4renstarken und kraftvollen \u201eGoing Backwards\u201c vom aktuellen Album tobt die Halle schon beim zweiten Song. Das auch schon 20 Jahre \u201eIt\u00b4s no good\u201c rei\u00dft bereits jetzt die letzten Tr\u00e4gen von den Sitzen und gibt einen ersten Vorgeschmack auf den gut vorbereiteten Stadionchor. \u00dcberhaupt scheinen Depeche Mode zu bedauern, nie mit dem in der Fangunst immer weiter gestiegenen Album \u201eULTRA\u201c (1997) auf die Tour gewesen zu sein, denn im Verlauf werden noch vier weitere Tracks folgen (\u201eBarrel of a Gun\u201c, \u201eUseless\u201c, \u201eInsight\u201c und \u201eHome&#8220;). Die Setlist wurde im Vergleich zu den sommerlichen Stadionkonzerten etwas gestrafft und ver\u00e4ndert. Der Dramaturgie hat das sehr gut getan. Die erste H\u00e4lfte wirkt nun nicht mehr eher wie ein Aufw\u00e4rmprogramm f\u00fcr die unwiderstehlichen Gassenhauer im Schlussdrittel, sondern ist bestens austariert zwischen Tempi, Rhythmen und Beats. So folgt auf den enorm tanzbaren Jacques Lu Cont-Remix des im Original etwas schleppenden\u201cA Pain that I\u00b4m used to\u201c eine bluesige Rockversion von \u201eUseless\u201c, um dann mit \u201ePrecious\u201c dem gr\u00f6\u00dften Pophit der letzten Alben Platz zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei \u00fcber zwanzig Top-Ten-Singles allein in Deutschland ist die Setlist ohnehin eine Gradwanderung. Naturgem\u00e4\u00df ist das \u00dcberalbum \u201eViolator\u201c (1990) immer stark vertreten, denn wer Songs f\u00fcr die Ewigkeit wie \u201ePersonal Jesus\u201c oder \u201eEnjoy the Silence\u201c im Repertoire hat, w\u00fcrde f\u00fcr ihr Weglassen gesteinigt werden. Auch braucht Mittf\u00fcnfziger Gahan immer eine kleine Pause von seinem anstrengenden B\u00fchnen-Workout, die der ebenfalls stimmgewaltige Martin Gore f\u00fcr ein balladeskes Intermezzo nutzt. Diesmal entschlackte er das sph\u00e4rische \u201eULTRA\u201c-Finale \u201eInsight\u201c auf sein melodisches Grundger\u00fcst, lediglich begleitet vom l\u00e4ngst zum Live-Inventar z\u00e4hlenden Keyboarder und Gesangspartner Peter Gordeno. Die rund 15000 in Andacht Ergriffenen wurden von B\u00fchnenprediger dann wieder ins Zimmer geholt (\u201eIn your Room&#8220;) stampfend nach ihrem revolution\u00e4ren Geist befragt, um sie dann schlie\u00dflich mit einem 35 Jahre alten Anti-Kapitalismus-Kampflied endg\u00fcltig in Raserei zu versetzen. Versehen mit einem neuen Intro wussten einige zun\u00e4chst nicht so recht, was auf sie zukommen w\u00fcrde, bis dann endlich die ach so vertrauten Tr\u00f6t-Fanfaren von \u201eEverything Counts\u201c ert\u00f6nten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Erstaundliche ist weniger, dass die Halle nun einem frenetischen Tollhaus glich &#8211; das kennt der erfahrene Fan seit Jahrzehnten -, sondern wie ungemein frisch und zeitlos die betagten Synth-Hymnen ins weite Rund dr\u00f6hnen. Das sich schleppend zu Gro\u00dfem auft\u00fcrmende \u201eStripped\u201c (1986), das ultimative Live-Brett \u201eNever let me down again\u201c (1987), die melodische Extravaganz \u201eWalking in my Shoes\u201c (1993) und der treibende Elektro-Rock von \u201eA Question of Time\u201c (1986) wirken als w\u00e4ren sie gerade erst Martin Gores Wunder-Feder entsprungen. Den Rest erledigt dann Liveband-Stammmitglied Christian Eigner. Der \u00f6sterreichische Schlagzeuger tr\u00e4gt seit gut 20 Jahren wesentlich zur unwiderstehlichen Verschmelzung von Synthpop und Rock bei und erg\u00e4nzt dabei kongenial seinen Frontmann. Ach ja, am Ende hat man noch ein gewisses \u201ePersonal Jesus\u201c in petto, das den allermeisten Bands als einziger Hit schon vollauf zum musikalischen Ritterschlag gen\u00fcgen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach gut zwei Stunden \u201eBlack Celebration\u201c (den Song zur Party hat man sich diesmal gespart) verl\u00e4sst die devote Masse gl\u00fccklich und zufrieden den Andachtsort. Und wieder steht die schwarze Kleidung im h\u00fcbschen Kontrast zur gel\u00f6sten, freudigen Stimmung. \u201eSee you next time!\u201c hat Dave ihnen in vertrauter Manier zum Abschied zugerufen, dazwischen hat sich sogar ein deutsches \u201eDankesch\u00f6n!\u201c geschummelt. Bei soviel Zuneigung auf beiden Seiten wird das meist vierj\u00e4hrige Warten zur Tortur. Wenigstens kann man sich die Zeit mit 14 Studioalben vertreiben, von denen kein einziges schlechte Laune verbreitet. Ganz im Gegenteil. Versprochen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konzertkritik: Depeche Mode in der Hans-Martin-Schleyerhalle am 28.11.17 Drau\u00dfen ist es kalt, dunkel und nass. Also tr\u00fcbe und trist. 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