{"id":12,"date":"2017-11-18T21:01:29","date_gmt":"2017-11-18T21:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=12"},"modified":"2017-12-13T14:48:58","modified_gmt":"2017-12-13T14:48:58","slug":"mord-im-orient-express-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vodkasreviews.de\/?p=12","title":{"rendered":"Mord im Orient-Express (2017)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eKleine graue Zellen ganz gro\u00df!\u201c<\/strong><\/p>\n<p class=\"justify\" style=\"text-align: justify;\">Britisches Understatement ist Kenneth Branaghs Sache nicht. Dem schauspielernden Regisseur wird gerne ein \u00fcbergro\u00dfes Ego plus ein geh\u00f6riges Ma\u00df an Narzissmus nachgesagt. So ganz unberechtigt ist das nicht, was vor allem diejenigen seiner Werke belegen, in denen er sein eigener Hauptdarsteller ist. Besonders gern inszeniert er sich als Protagonist heimischer Literaturklassiker (Henry V., Hamlet, Frankenstein), so gesehen ist die Rolle des belgischen Meisterdetektivs Hercule Poirot geradezu pr\u00e4destiniertes Branagh-Material.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht nur ist der schnauzb\u00e4rtige Belgier neben Sherlock Holmes sicher die bekannteste Figur der britischen Kriminalliteratur, sondern ist er auch mit einer Egozentrik und Selbstverliebtheit ausgestattet, f\u00fcr die sich Branagh &#8211; so b\u00f6se Zungen &#8211; gar nicht gro\u00df verwandeln muss. Zudem hat er es in der Vergangenheit schon mehrfach geschafft, nicht unbedingt hoch modernes Material einen frischen, zeitgem\u00e4\u00dfen Anstrich zu verpassen. Das hat bei Shakespeare besser wie bei Mary Shelly funktioniert, aber diese spezielle F\u00e4higkeit war zumindest stets erkennbar. Warum also nicht auch Agatha Christie und Hercule Poirot.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als bekanntestes Werk dieser Konstellation gilt sicher \u201eMord im Orient-Express\u201c von 1934. Viel mag dazu der rei\u00dferische Titel beigetragen haben, denn Poirot hatte sowohl spannendere, wie auch interessantere F\u00e4lle zu l\u00f6sen gehabt. Aber Mord macht sich im Titel immer gut und der praktisch hermetisch abgeriegelte Raum eines fahrenden, noch dazu solch mond\u00e4nen Zuges birgt ein ganz besonderes Thrill-Potential. Weder M\u00f6rder, noch Verd\u00e4chtige k\u00f6nnen entkommen, so dass der Ermittler wie auf einem Polizeirevier in Ruhe jeden verh\u00f6ren kann. Gleichzeitig lebt jeder in Angst, dass der M\u00f6rder noch einmal zuschlagen k\u00f6nnte, sei es, weil er sein t\u00f6dliches Werk noch nicht vollendet hat, sei es, weil er glaubt entlarvt worden zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Essentiell f\u00fcr die Spannung solcher Whodunits ist eine veritable Anzahl Verd\u00e4chtiger. Schlie\u00dflich wollen Detektiv und Publikum etwas zum R\u00e4tseln haben. Allerdings m\u00fcssen diese dann auch klar voneinander zu unterscheiden sein, will man nicht den \u00dcberblick verlieren. Die entsprechenden Filme l\u00f6sen das Problem gern mit einer Starbesetzung. Auch Kenneth Branagh greift in seiner Neuauflage zu diesem probaten Mittel. So finden wir unter den Passagieren u.a. Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Willem Dafoe, Judy Dench, Pen\u00e9lope Cruz, Derek Jacobi und Daisy Ridley.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Orientierung an bekannten Gesichtern ist in diesem Fall besonders wichtig, da wir aus Plotgr\u00fcnden erst nach und nach etwas \u00fcber die einzelnen Personen erfahren und sie nicht wie sonst allesamt zu Beginn des Film dem Publikum vorgestellt werden. Aus diesem Grund steht der von Branagh verk\u00f6rperte Poirot noch st\u00e4rker im Zentrum der Handlung wie sonst, was dramaturgisch keine ideale L\u00f6sung darstellt. Die \u00fcbrigen Figuren bleiben damit lange Zeit relativ blass und fragmentarisch, was wiederum das unbestreitbare Talent des Cast nicht voll zur Entfaltung kommen l\u00e4sst. Das \u00e4nderst sich erst im Schlussdrittel, als die Aufl\u00f6sung unmittelbar bevorsteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gesehen ist \u201eMord im Orient-Express\u201c vielleicht nicht die beste Wahl f\u00fcr eine Poirot-Verfilmung, da der Mitr\u00e4tselfaktor vergleichsweise gering ausf\u00e4llt. Branagh wiederum d\u00fcrfte das anders gesehen haben, bietet ihm doch ein solcher Protagonisten-zentrierter Ansatz genau die richtige Spielwiese f\u00fcr seine Selbstinszenierung. Und die betreibt er in vollen Z\u00fcgen. Sein Hercule Poirot ist ein pedantischer, arroganter, versnobter Egozentriker, der sich seiner genialen intellektuellen F\u00e4higkeiten voll bewusst ist und mit dieser Kenntnis auch gern hausieren geht. Branagh setzt damit weniger auf den ironischen Witz seines ber\u00fchmtesten Vorg\u00e4ngers Peter Ustinov, ist damit aber auch n\u00e4her an der Romanfigur.<br \/>\nBranagh stellt besonders das Dandyhafte &#8211; er ist stets wie aus dem Ei gepellt und kritisiert andere f\u00fcr die kleinsten Modes\u00fcnden &#8211; und Pedantische des Detekttivs heraus. Jedes Verbrechen ist eine Anomalie vom Normalzustand und deswegen etwas St\u00f6rendes, das es zu beseitigen gilt. Poirot l\u00f6st seine F\u00e4lle also auch aus einem Verlangen nach Perfektion heraus. Man denkt dabei schnell an Benedict Cumberbatchs Interpretation von Sherlock Holmes, aber ihm nimmt man das Verschrobene und intellektuell Abgehobene weit mehr ab, wie dem dazu etwas zu kernigem Branagh. Der Versuch, sich von Ustinovs legend\u00e4rer Interpretation m\u00f6glichst deutlich abzusetzen ist prinzipiell richtig und honorabel, aber gerade Branagh h\u00e4tte der humorvollere Anzug besser gestanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mutig ist auch sein Entschluss, seinen Film gleichzeitig modern und altmodisch wirken zu lassen. Anders als die \u201eSherlock\u201c-Macher verpflanzt er die Handlung nicht in die Gegenwart, sondern bleibt beim Setting der 1930er Jahre. Ausstattung und Set Design tragen diesem Konzept erkennbar Rechnung und versetzten den Zuschauer visuell in die \u00c4ra des klassischen Hollywoodfilms. Branagh bricht dies allerdings immer wieder durch inszenatorische Kniffe auf, in dem er schnelle Kamerafahrten entlang oder im Innern des Zuges initiiert sowie ungewohnte Perspektiven einstreut. Am auff\u00e4lligsten ist dabei die Entdeckung des Mordes durch Poirot und einen Schaffner, bei dem Branagh von oben auf das Abteil blickt.<\/p>\n<figure style=\"width: 649px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" draggable=\"false\" src=\"http:\/\/intlportal2.s3.foxfilm.com\/intlportal2\/dev-temp\/de-DE\/__59bf881659f61.jpg\" alt=\"\" width=\"649\" height=\"304\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Altmodische Eleganz wohin das Auge blickt: Detektiv Hercule Poirot (Kenneth Branagh) und Verd\u00e4chtige Mary Debenham (Daisy Ridley)<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt kennzeichnet den Film eine altmodische Eleganz, die sich nicht nur visuell, sondern auch narrativ \u00e4u\u00dfert. Der Dialog ist hier der Hauptantriebsmotor, was dem ausgewiesenen Theatermann Branagh nat\u00fcrlich entgegen kommt. Dazu kommen moralische Verwerfungen, die die auch optisch eher d\u00fcster angelegte Stimmung verst\u00e4rken. Vom Zuschauer fordert Branagh ein gewisses Ma\u00df an Aufmerksamkeit und gedanklicher Teilhabe, weil eben nicht &#8211; wie im aktuellen Kino so h\u00e4ufig der Fall &#8211; alles in ein paar Schlagworten oder nur noch durch plakative Bilder erkl\u00e4rt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles in allem also ein geradezu typischer Branagh, der sich nicht nur selbst als egomanischen Superdetektiv inszeniert, sondern mit einer in Teilen betont klassischen Inszenierung eines angestaubten Stoffes lauthals verk\u00fcndet: Seht her, ich habe auch damit Erfolg! Die finale Ank\u00fcndigung eines Sequels (Agatha Christies \u201eTod auf dem Nil\u201c) ist hier kein blo\u00dfer Reflex des modernen Mainstreamkinos, sondern ein klares Bekenntnis zur eigenen St\u00e4rke. Understatement geh\u00f6rt eben nicht zu Branaghs Repertoire. Dem \u201eMord im Orient-Express\u201c hat das aber keineswegs geschadet.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: comic sans ms,sans-serif;\">(Rating: 7 \/ 10)<\/span><\/p>\n<table style=\"border-color: #000000; background-color: #d9d0d0;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; color: #333300;\"><strong>Copyright aller Filmbilder: \u00a9Twentieth Century Fox 2017<\/strong><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>_________________________________<\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma,arial,helvetica,sans-serif;\"><strong>\u00a9 Marcus Lachmund (vodkamartini)<\/strong><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eKleine graue Zellen ganz gro\u00df!\u201c Britisches Understatement ist Kenneth Branaghs Sache nicht. Dem schauspielernden Regisseur wird gerne ein \u00fcbergro\u00dfes Ego plus ein geh\u00f6riges Ma\u00df an Narzissmus nachgesagt. 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