{"id":310,"date":"2018-07-20T05:19:48","date_gmt":"2018-07-20T05:19:48","guid":{"rendered":"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=310"},"modified":"2018-07-20T05:48:02","modified_gmt":"2018-07-20T05:48:02","slug":"der-20-juli-das-attentat-auf-hitler-1955","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=310","title":{"rendered":"Der 20. Juli &#8211; Das Attentat auf Hitler (1955)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"Blocksatz\" style=\"font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><span class=\"Blocksatz\"><strong><span style=\"font-size: x-large;\">\u201cWiderstand im Zeitgeist\u201d<\/span><\/strong><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den 1950er Jahren schwappte eine regelrechte Welle an vornehmlich amerikanischen Kriegsfilmen \u00fcber die Leinw\u00e4nde. Offenbar hatte das bundesdeutsche Publikum ein starkes Bed\u00fcrfnis, die filmische Aufbereitung des zweiten Weltkriegs nicht st\u00e4ndig nur aus US-amerikanischer Perspektive serviert zu bekommen und str\u00f6mte daher auch in Massen in die heimischen Produktionen. Filme wie <em>Canaris<\/em> (1954), <em>Des Teufels General<\/em> (1955), <em>Hunde, wollt ihr ewig leben!<\/em> (1958) und vor allem die <em>08\/15<\/em>-Trilogie (1954-1955) geh\u00f6rten zu den gr\u00f6\u00dften Kassenschlagern des deutschen Nachkriegskinos und konnten m\u00fchelos mit konkurrierenden Hollywoodproduktionen mithalten.<br \/>\nMeist ging es bei diesen Filmen um die von einer verbrecherischen F\u00fchrung verratene Wehrmacht, die ehrenhaft und tapfer k\u00e4mpfend f\u00fcr falsche Ideale und wahnwitzige Eroberungspl\u00e4ne missbraucht worden war. Verbrechen wurden ausschlie\u00dflich von der SS begangen, milit\u00e4rische Misserfolge waren entweder dem \u00fcberm\u00e4chtigen Schicksal oder verr\u00fcckten Befehlen Hitlers geschuldet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es w\u00e4re allerdings verfehlt, den Filmemachern als zentrale Intention eine bewusste Rehabilitierung der Wehrmacht zu unterstellen. Vielmehr entsprach der moderate Umgang mit Schuld und Verantwortung der deutschen Soldaten dem vorherrschenden Zeitgeist und spiegelte das tiefe Bed\u00fcrfnis der Bev\u00f6lkerung, dem millionenfachen Sterben (es gab kaum eine deutsche Familie, die nicht einen m\u00e4nnlichen Angeh\u00f6rigen im Krieg verloren hatte) und den enormen Opfern (psychische und k\u00f6rperliche Verletzungen) nachtr\u00e4glich einen Sinn zu verleihen. Die gro\u00dfe Publikumsresonanz auf die oben erw\u00e4hnten Produktionen untermauert diese These. Anders ausgedr\u00fcckt: Der Erfolg dieser Filme pr\u00e4gte nicht den Zeitgeist, sondern der Zeitgeist wurde durch den Erfolg widergespiegelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor diesem Hintergrund war es durchaus gewagt, einen Film \u00fcber den milit\u00e4rischen Widerstand gegen Hitler und das Attentat vom 20. Juli 1944 zu drehen. Beides war in der deutschen Bev\u00f6lkerung bis mindestens Mitte der 50er Jahre heftigst umstritten, Begriffe wie Vaterlandverr\u00e4ter und Eidbrecher (seit 1934 mussten s\u00e4mtliche Soldaten der Wehrmacht den Treue-Eid direkt auf Hitler leisten) keineswegs eine Seltenheit. 1955 kamen mit G.W. Papsts <em>Es geschah am 20. Juli <\/em>und Falk Harnacks <em>Der 20. Juli <\/em>beinahe zeitgleich gleich zwei bundesdeutsche Filme in die heimischen Lichtspielh\u00e4user, die sich dieser brisanten Thematik widmeten. W\u00e4hrend sich Pabst &#8211; fast einem Dokumentarfilm gleich &#8211; lediglich auf die letzten 24 Stunden des Staatsstreichversuchs und den engsten Verschw\u00f6rerkreis konzentrierte, war Harnacks Film breiter angelegt und letztlich auch das ambitioniertere Projekt.<br \/>\nHarnack zeigt nicht nur die Ereignisse des 20. Juli 1944, sondern erz\u00e4hlt auch die Vorgeschichte des Umsturzversuchs inklusive des gescheiterten Sprengstoffanschlags Henning von Tresckows (Chef der Heeresgruppe Mitte und zentrale Figur des milit\u00e4rischen Widerstands). Auch die Einbettung der Widerstandsk\u00e4mpfer des 20. Juli in nationalkonservative Kreise ist ein Handlungsstrang des Films. Neben der F\u00fchrungsrolle von Generaloberst A.D. Ludwig Beck wird sowohl die Beteiligung einzelner Mitglieder des Kreisauer Kreises, als auch der Widerstandsgruppe um den Leipziger Oberb\u00fcrgermeister Carl Goerdeler historisch korrekt wiedergegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie bei beinahe allen bundesdeutschen Kriegsfilmen der 50er Jahre, sind auch Harnacks <em>Der 20. Juli <\/em>weniger historische Ungenauigkeiten oder Falschaussagen zu unterstellen. Das Problem liegt nicht in dem, was der Film zeigt, sondern vielmehr in dem, was er verschweigt.<br \/>\nS\u00e4mtliche Figuren sowie die Vorbereitungen des Attentatversuchs vom 20. Juli werden weitestgehend faktentreu pr\u00e4sentiert. Mit der Kritik an der katastrophalen milit\u00e4rischen Lage an der Ostfront sowie der Bef\u00fcrchtung einer totalen Niederlage werden wichtige Beweggr\u00fcnde der Verschw\u00f6rer thematisiert.<br \/>\nDas beliebte Motiv der Auslassung wird vor allem bei der filmischen Darstellung der Hauptfigur deutlich. \u201eDer akute und eigentliche Anstoss f\u00fcr Stauffenbergs Verdikt, Hitler m\u00fcsse get\u00f6tet werden, waren also die Massenmorde an Juden, Kriegsgefangenen und Bev\u00f6lkerungen in den besetzten Gebieten im Osten (\u2026). Er sah auch wie das Heer in die Verbrechen mit hineingezogen wurde.\u201c<sup>1<\/sup> Nichts davon ist im Film zu sehen bzw. zu h\u00f6ren. Wie alle anderen argumentiert der filmische Stauffenberg (Wolfgang Preiss) lediglich mit der drohenden Niederlage sowie der Unf\u00e4higkeit der F\u00fchrung.<br \/>\nImmerhin gibt es eine kurze Szene mit dem anfangs f\u00fchrertreuen Hauptmann Winter, der an der Ostfront Zeuge eines Massenmordes an Juden wird und aufgrund des Gesehenen auf die Seite der Widerst\u00e4ndler wechselt. Allerdings bezieht sich diese Motivation nicht auf Stauffenberg oder andere f\u00fchrende Widerstandsk\u00e4mpfer und waren die Verbrechen eindeutig, so Winter w\u00f6rtlich, \u201eHimmlers Werk\u201c. Womit wir wieder bei dem beliebten Motiv w\u00e4ren, s\u00e4mtliche Verbrechen ausschlie\u00dflich der SS anzulasten. Auch die durch Stauffenbergs tiefe Religiosit\u00e4t gewachsene Erkenntnis, es mit einem menschenverachtendem Verbrechertum zu tun zu haben, taucht nicht auf. Wie bei den thematisch vergleichbaren Filmen <em>Canaris<\/em> und <em>Des Teufels General<\/em> wird die Wehrmacht also nachtr\u00e4glich von einer m\u00f6glichen Verstrickung in Kriegsverbrechen freigesprochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die enormen Schwierigkeiten der M\u00e4nner um Stauffenberg, geeignete Mitverschw\u00f6rer in den eigenen Reihen zu finden sowie die logistischen und organisatorischen Probleme eines Attentatversuchs, werden wiederum wahrheitsgetreu aufgearbeitet. Hierin bestand auch keine Gefahr f\u00fcr den Kinozuschauer der 50er Jahre, konnte er sich doch mit der Gewissheit tr\u00f6sten, dass selbst hochrangige Offiziere und Politiker nur unter massivsten Schwierigkeiten und Einsatz des eigenen Lebens erfolgreich Widerstand leisten konnten.<br \/>\nUm diese Erkenntnis zu zementieren, l\u00e4sst Harnack eine zivile Widerstandszelle aus der \u201eeinfachen\u201c Bev\u00f6lkerung auftreten, die ebenfalls \u00fcber die Beseitigung Hitlers diskutiert. W\u00e4hrend eines Gespr\u00e4chs, l\u00e4sst er einen Arbeiter den entscheidenden Satz sagen: \u201eDas kann nur die Wehrmacht. Oder sollen wir mit Kn\u00fcppeln auf die SS losgehen?\u201c Hier werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Neben der Entschuldigung der Masse des deutschen Volkes f\u00fcr dessen Passivit\u00e4t gegen\u00fcber dem NS-Regime, wird auch wieder die D\u00e4monisierung der SS als Verk\u00f6rperung des B\u00f6sen betrieben. Nach dem Motto: \u201eWenn wir Hitler und die SS los sind, ist der b\u00f6se Spuk vorbei.\u201c \u00c4hnliche Szenen finden sich in allen oben erw\u00e4hnten Erfolgsfilmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die historische Glaubw\u00fcrdigkeit seines Films zu unterstreichen, montiert Regisseur Harnack Dokumentarfilmaufnahmen in seinen Spielfilm. Vor allem die Bilder zerst\u00f6rter deutscher Gro\u00dfst\u00e4dte sowie diverser Kampfszenen an der Ostfront sind originales Material. Auch dieses Stilmittel findet sich in s\u00e4mtlichen bundesdeutschen Kriegsfilmen der 50er Jahre. Da diese Filme ausschlie\u00dflich in schwarz wei\u00df gedreht wurden, sind die \u00dcberg\u00e4nge flie\u00dfend. Wiederum werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Das Drehen von Gefechten w\u00e4re sehr aufw\u00e4ndig und teuer, die Darstellung zerbombter St\u00e4dte lediglich als wenig eindrucksvolle Trick- bzw. Modellaufnahme m\u00f6glich gewesen. Noch wichtiger ist allerdings die bereits oben angedeutete zweite Funktion. Die eingeschnittenen Originalaufnahmen dienen quasi als Beweisst\u00fccke f\u00fcr die geschichtliche Wahrheit der im Film dargestellten Ereignisse und suggerieren dem Betrachter historische Authentizit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei allen Bem\u00fchungen um Faktentreue und Authentizit\u00e4t ist den Machern allerdings ein zwar inhaltlich unwesentlicher, daf\u00fcr aber optisch im wahrsten Sinne des Wortes \u201eoffensichtlicher\u201c Fehler unterlaufen. Stauffenberg wurde in Afrika schwer verwundet und verlor dabei einen Arm, zwei Finger der linken Hand und das linke Auge. Stauffenberg musste daher seitdem eine Augenklappe tragen. In <em>Der 20.Juli <\/em>tr\u00e4gt Stauffenberg-Darsteller Wolfgang Preiss diese Augenklappe den ganzen Film \u00fcber allerdings rechts. Zudem sind in mehreren Szenen ganz deutlich s\u00e4mtliche f\u00fcnf Finger der &#8222;verletzten&#8220; Hand zu sehen.<br \/>\nDer eigentliche Ablauf des Attentats, Stauffenbergs Schwierigkeiten die Bombe zu z\u00fcnden (er konnte nur einen Z\u00fcnder scharf machen), seine halsbrecherische Flucht aus dem F\u00fchrerhauptquartier sowie das holprige Anlaufen des Umsturzplans \u201eWalk\u00fcre\u201c werden exakt wiedergegeben. Der Zuschauer wird Zeuge der zahlreichen ungl\u00fccklichen Zuf\u00e4lle und Schwierigkeiten: Hitler \u00fcberlebt fast unverletzt, \u00dcbermittlungsfehler und Kompetenzgerangel behindern den Staatsstreich. Diese Szenen sind spannend inszeniert und lassen die Dramatik der damaligen Ereignisse erahnen. Dramaturgisch ist dem Film also nichts vorzuwerfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz der oben beschriebenen Schw\u00e4chen &#8211; die s\u00e4mtlich dem vorherrschenden Zeitgeist der 50er Jahre zuzurechnen sind &#8211; geht der Film weit \u00fcber das in den 50er Jahren pr\u00e4sentierte Bild von Wehrmacht und Krieg hinaus. Schon die Wahl des Themas war ein f\u00fcr die Produktionszeit mutiger Schritt. Anders als heute standen Stauffenberg und seine Mitstreiter bei vielen Deutschen im Ruf von Landesverr\u00e4tern und Eidbrechern. Die historische und vor allem gesellschaftliche Aufarbeitung des (milit\u00e4rischen) Widerstands gegen Hitler und seine Bedeutung f\u00fcr das Nachkriegsdeutschland steckte noch in den Kinderschuhen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Harnack setzte dem Attentatversuch des 20. Juli 1944 ein erstes filmisches Denkmal und machte den Weg frei f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema. Der bisher letzte Beitrag, Jo Baiers Fernsehfilm <em>Stauffenberg <\/em>(2004, mit Sebastian Koch in der Titelrolle), steht in dieser Tradition und ist nat\u00fcrlich ein ungleich differenzierterer Film. Allerdings liegen dazwischen auch fast 50 Jahre Widerstandsforschung und Vergangenheitsbew\u00e4ltigung. 2008 wird sich erstmals eine Hollywood-Gro\u00dfproduktion dieser Thematik annehmen. Heute steht nicht mehr die Figur Claus Graf Schenk von Stauffenbergs im Focus der \u00f6ffentlichen Kritik, vielmehr sein Darsteller Tom Cruise: \u201eEin bekennender Scientologe soll einen \u201eHelden der deutschen Geschichte\u201c verk\u00f6rpern? Undenkbar.\u201c Die innerdeutsche Diskussion \u00fcber dieses \u201eProblem\u201c ist ein Musterbeispiel f\u00fcr die aktuellen Ausw\u00fcchse der &#8222;Political Correctness&#8220; und wirft ein bezeichnendes Licht auf den heutigen Zeitgeist.<br \/>\n<strong><br \/>\n(8\/ 10 Punkten)<\/strong><br \/>\n__________________________________________________<br \/>\n<sup><br \/>\n1 Hoffmann, Peter, Stauffenberg und der 20. Juli 1944, M\u00fcnchen 1998, S. 62<\/sup><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cWiderstand im Zeitgeist\u201d In den 1950er Jahren schwappte eine regelrechte Welle an vornehmlich amerikanischen Kriegsfilmen \u00fcber die Leinw\u00e4nde. Offenbar hatte das bundesdeutsche Publikum ein starkes Bed\u00fcrfnis, die filmische Aufbereitung des <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/vodkasreviews.de\/?p=310\">weiterlesen&#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[62,63],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/310"}],"collection":[{"href":"http:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=310"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/310\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":312,"href":"http:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/310\/revisions\/312"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=310"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=310"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/vodkasreviews.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=310"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}